Ärztekittel im Schrank, Heim-WM und Olympia im Kopf


News Redaktion
Sport / 10.07.20 05:33

Marlen Reusser gilt als grosse Schweizer Radsport-Hoffnung. Nach der langen Corona-Zwangspause ist die ausgebildete Ärztin aus Hindelbank bereit für neue Höhenflüge.

Marlen Reusser tritt im Zeitfahren als Titelverteidigerin an - 2019 wurde sie in Weinfelden Schweizer Meisterin (FOTO: KEYSTONE/URS FLUEELER)
Marlen Reusser tritt im Zeitfahren als Titelverteidigerin an - 2019 wurde sie in Weinfelden Schweizer Meisterin (FOTO: KEYSTONE/URS FLUEELER)

Für die 28-jährige Marlen Reusser sind die am Sonntag rund um den Flughafen Bern-Belp stattfindenden Schweizer Meisterschaften im Zeitfahren quasi ein Heimspiel. Die Bernerin strebt in ihrer engeren Heimat die Titelverteidigung an, nachdem sie sich im Vorjahr sowohl im Strassenrennen als auch in der Prüfung gegen die Uhr das begehrte Trikot mit dem Schweizer Kreuz gesichert hat.

Dabei fährt Reusser erst seit fünf Jahren aktiv Velo. Mit 25 Jahren löste sie ihre erste Rennlizenz und wurde 2017 auf Anhieb Schweizer Meisterin im Zeitfahren. Erst vor eineinhalb Jahren hat sie ihre Karriere als Radprofi gestartet. Davor war sie erfolgreich als Amateurin unterwegs. Nebenbei schloss sie ihr Medizinstudium ab und arbeitete Teilzeit als Assistenzärztin.

Dass sie Anfang 2019 ihren Job gekündigt hat und zu ihren Eltern zurückzog, um alles auf die Karte Radsport zu setzen, findet sie nicht besonders mutig - im Gegenteil. Meine Ausbildung ist auf einem Level, auf dem ich jederzeit wieder einsteigen kann. Das Risiko für mich ist gleich null. Andere beweisen da mehr Mut.

Reusser hat in ihrem ersten Profijahr gezeigt, dass sie auch gegen die internationale Konkurrenz bestehen kann. An den European Games in Minsk gewann sie im Zeitfahren die Goldmedaille, drei Monate später beendete sie das WM-Zeitfahren in Yorkshire im starken 6. Rang.

Mit ihren überzeugenden Leistungen zog sie die Aufmerksamkeit zahlreicher Profiteams auf sich. Seit diesem Jahr steht Reusser beim Schweizer Frauen-Radteam Bigla-Katjuscha unter Vertrag. Wegen der Corona-Pandemie konnte sie seit Mitte Februar jedoch keine Wettkämpfe mehr bestreiten.

Dass die Olympischen Sommerspiele in Tokio ins Jahr 2021 verschoben wurden, kommt ihr nicht ungelegen. Ich bin froh, habe ich noch ein Jahr mehr Vorbereitung. Ihr grosses Ziel ist es, einst eine Medaille an Grossanlässen zu gewinnen. Mit der Heim-WM im September in Martigny/Aigle und Olympia im Sommer 2021 folgen in naher Zukunft gleich zwei solche Höhepunkte.

Frauen-Nationaltrainer Edi Telser attestiert seinem Schützling ein grosses Potential. Ich traue ihr alles zu, so der Südtiroler über die Quereinsteigerin, die er als grosse Kämpferin und Athletin mit einer schnellen Auffassungsgabe wahrnimmt. Lernen könne sie noch viel, findet Reusser, die sich trotz ihres für eine Athletin fortgeschrittenen Alters teils noch als Juniorin sieht. Die Automatismen greifen noch nicht immer. Das wirke sich aber weniger im Zeitfahren, als in den Strassenrennen aus, wo mehr Faktoren mitspielen würden, betont die 28-Jährige aus Hindelbank im Emmental.

In der kurzen Zeit als Radrennfahrerin hat Reusser schon mehrfach Bekanntschaft mit Sturzverletzungen gemacht. Vor einem Jahr brach sie sich im Training das Kreuzbein. Besonders schlimm erwischte sie es im Frühjahr 2018, als sie sich in einem Rennen mehrfache Brüche am Becken und Rücken zugezogen hatte. Stürze seien immer auch ein Lehrblätz, findet sie. Man muss das Limit auch mal überschreiten, um zu erfahren, was es leiden mag.

Als die Eckpfeiler ihres Erfolgs bezeichnet sie die Neugier, ständig Neues lernen zu wollen, die Physis (Ich habe einen sehr guten Motor) und ein gutes Umfeld, das sie unterstütze und vor dem Abheben bewahre. Die Lockerheit, die sie im Gespräch ausstrahlt, nimmt man ihr ab. Den Druck mache sie sich nur selber, betont die gelernte Chirurgin. Es überrascht deshalb nicht, dass sie ihr Rad-Projekt als Ausflug im Leben bezeichnet. Solange ich Spass daran habe, mache ich weiter.

Nach einem längeren Höhentrainingslager auf dem Berninapass heisst die nächste Station auf ihrem sportlichen Weg Bern-Belp. Dort, wo die Flugzeuge in den Himmel schiessen, möchte die Lokalmatadorin am Sonntag mit dem Gewinn ihres dritten Zeitfahr-Meistertitels zu einem neuen Höhenflug ansetzen.

(sda)


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