Auch in Zeiten des Coronavirus: Meinungsweltmeister Lewis Hamilton


Roman Spirig
Sport / 17.03.20 17:05

Coronavirus, Rassismus oder Klimadebatte. Lewis Hamilton weicht keinem Thema dieser Zeit aus. In Australien bauen seine Aussagen auch Druck auf die Formel-1-Bosse auf. Was treibt den Briten an?

Auch in Corona-Zeiten der Meinungsweltmeister: Lewis Hamilton. Was treibt ihn an? (Foto: KEYSTONE / EPA / MICHAEL DODGE)
Auch in Corona-Zeiten der Meinungsweltmeister: Lewis Hamilton. Was treibt ihn an? (Foto: KEYSTONE / EPA / MICHAEL DODGE)

Für Lewis Hamilton dürfte sich der letzte Freitag zumindest wie ein kleiner Sieg angefühlt haben. Es war der Tag, an dem die Veranstalter des Grand Prix von Australien die Absage des Rennens bekannt machten, und damit auch einem Aufruf des Briten folgten. Der sechsmalige Weltmeister hatte vor dem Entscheid, den Grand Prix abzublasen, so deutlich wie kein anderer Fahrer Position gegen die Austragung bezogen. Es ist nicht das erste Mal, dass sich der 35-jährige Mercedes-Pilot als starker Charakter präsentiert, der sich einmischt und vor keinem Thema mehr zurückweicht.

Hamilton hat sich seinen Status als Meinungsführer hart erarbeitet. Über die Sozialen Netzwerke inszeniert er sich und seine Sicht auf die Welt. Vor seiner Ankunft in Melbourne in der vergangenen Woche besuchte der Engländer im Bundesstaat New South Wales die von den monatelangen Buschbränden verwüstete Gebiete. "Wenn man darüber liest und im Fernsehen verfolgt, sieht es entsetzlich aus. Aber wenn man die wahre Zerstörung aus der Nähe betrachtet und sieht, wie riesig das Land ist, dann bricht es einem nur noch mehr das Herz", schrieb Hamilton, der zuvor schon Spenden von mehreren Hunderttausend Dollar angekündigt hatte. Medienwirksam versorgte er während seines Besuchs auch Baby-Kängurus oder Koalas.

Klima und Naturkatastrophen beschäftigen Hamilton genauso wie die Themen Tierhaltung, fleischlose Ernährung und nachhaltiger Anbau von Lebensmitteln. Seit drei Jahren lebt er mittlerweile vegan. Als Topsportler fühlt er sich dadurch fitter. "Der Darm ist dein zweites Gehirn", meinte Hamilton einmal über den Einfluss von Ernährung.

Selbst vor Konflikten mit seinem Umfeld und seinem Beruf scheut sich der Brite nicht mehr. Trotz des augenscheinlichen Widerspruchs zu seinem Dasein als Jetsetter im Automobilsport kündigte Hamilton etwa an, klimaneutral leben zu wollen. "Ich erlaube niemandem in meinem Büro oder meinem Haushalt, irgendwelches Plastik zu kaufen. Ich will, dass alles wiederverwertbar ist, bis hin zur Zahnbürste", erklärte er im vergangenen Herbst. "Ich versuche in meinem privaten Bereich so viel zu verändern, wie es nur geht. Ich habe auch mein Flugzeug vor einem Jahr verkauft und versuche noch weniger unter dem Jahr zu fliegen."

In Melbourne baute Hamilton als Fahrer eine Druckkulisse auf die Bosse der Formel 1 auf. "Schockierend" fand er es, dass sich die PS-Szene auf dem Albert Park Circuit versammelte, während in anderen Ländern aufgrund des Coronavirus längst die Alarmglocken schrillten. "Es scheint, als ob der Rest der Welt reagiert", monierte er. Auch wenn letztlich eher der Startverzicht von McLaren zum Umdenken bei den Veranstaltern führte, Hamilton bezog als einziger Fahrer im Feld klare Position.

Freigeist und Superstar

Der Mut, öffentlich Stellung zu beziehen, hat sich allerdings auch bei einem Lewis Hamilton erst über die Jahre entwickelt. Auch wenn er eigentlich schon immer Courage besass. Als Zehnjähriger war er auf den damaligen McLaren-Boss Ron Dennis zugegangen und hatte ihm erklärt: "Hi, ich bin Lewis Hamilton und ich will eines Tages euer Auto fahren."

Jahre später holte ihn Dennis tatsächlich ins Nachwuchsprogramm, 2007 debütierte Hamilton schliesslich in der Formel 1. Erst mit der Flucht vor dem Alleinherrscher Dennis bei McLaren, der Trennung von seinem Vater Anthony als Manager und dem Wechsel als Nachfolger von Michael Schumacher zu Mercedes zur Saison 2013 entwickelte sich Hamilton zu der Person, als die er sich selbst sieht: ein Freigeist und Superstar. "Man muss akzeptieren, dass jeder anders funktioniert", sagte sein aktueller Teamchef Toto Wolff. "In dem wir ihm die Freiheit geben, seine Interessen zu verfolgen, können wir von ihm mehr Leistung auf der Strecke herauskitzeln."

Mit Mode, Reisen oder Musik lenkt sich Hamilton ab. Er vergisst dabei allerdings nicht, dass ihm als erstem dunkelhäutigen Piloten in der Formel 1 auch eine nicht zu unterschätzende gesellschaftliche Rolle zukommt. "Ich will den Weg ebnen für Fahrer, die einen ähnlichen Hintergrund haben wie ich", beteuerte der Mann aus Stevenage einmal, dessen Vater das kostspielige Hobby des Sohnes nur durch mehrere Jobs gleichzeitig finanzieren konnte.

Als Schwarzer unter weissen Jungs wurde Hamilton auch Opfer rassistischer Beleidigungen. "Wir müssen anerkennen, dass wir in der Formel 1 nicht besonders divers sind", räumte Wolff ein. "Ich habe durch Lewis gelernt zu akzeptieren, dass es schwierig ist, Diskriminierung von Zeit zu Zeit zu überwinden." Es ist eines der Themen, das Hamilton umtreibt. Und er wird nicht müde, dies anzusprechen.

(sda)


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