Bayreuth nimmt Abschied von Koskys "Meistersingern"


News Redaktion
International / 27.07.21 04:14

Wenn eine Opern-Inszenierung besser und bedeutender wird, je länger sie läuft, dann heisst das vor allem eines: dass der Regisseur eine Entwicklung frühzeitig erkannt und aufgegriffen hat, dass die Wirklichkeit die Bühnenrealität eingeholt hat.

HANDOUT - Fotoprobe
HANDOUT - Fotoprobe "Die Meistersinger von Nürnberg": Chor und Statisten, sowie Johannes Martin Kränzle als Sixtus Beckmesser. Foto: Enrico Nawrath/Festspiele Bayreuth/dpa - ACHTUNG: Verwendung im Internet nur bei max. Größe 1000 x 1000 Pixel - honorarfreie Verwendung nur mit vollständiger Nennung des vorstehenden Credits (FOTO: Keystone/Festspiele Bayreuth/Enrico Nawrath)

Für wenige Produktionen gilt das so sehr wie für Barrie Koskys Die Meistersinger von Nürnberg bei den Bayreuther Festspielen. Seit Kosky, der erste jüdische Regisseur der Festspielgeschichte, 2017 mit seiner Interpretation erstmals unbequeme Fragen nach der antisemitischen Gesinnung Richard Wagners stellte und nach der Geschichte der Festspiele, dem wohl liebsten Musikevent Adolf Hitlers, ist viel passiert in Deutschland.

Ein Rechtsextremist hat versucht, in Halle die Synagoge zu stürmen und dabei zwei Menschen getötet. Während des gewaltsamen Konflikts zwischen Israel und militanten Palästinensern im Gazastreifen im Mai dieses Jahres kam es zu antisemitischen Vorfällen in Deutschland. Hass und Gewalttaten gegen Juden sind zu erschreckenden Regelmässigkeiten geworden - und die frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, betonte unlängst, dass vor allem junge Juden inzwischen verstärkt mit dem Gedanken spielten, das Land zu verlassen.

Und so schleicht sich am Montagabend im Bayreuther Festspielhaus das Gefühl ein, die grosse Uhr, die über dem Bühnenbild der Kosky-Inszenierung thront, die immer wieder rückwärts läuft und schliesslich um Viertel vor zwölf stehenbleibt - sie scheint sich immer schneller zu drehen. Mit Vollgas zurück in eine dunkle Vergangenheit. In einer der Schlüsselszenen schmettern die Sänger auf der Bühne dem Publikum entgegen: Wacht auf! Die Zeit wird knapp.

Kosky inszeniert Wagners einzige komische Oper als knallharte Mobbing-Geschichte, dessen Opfer der einzige jüdische Charakter in dem Stück ist. Bei Kosky ist Wagner mit seinem Alter Ego Hans Sachs (Michael Volle) aus den Meistersängern identisch. Er giesst auch den jüdischen Kapellmeister Hermann Levi und den Beckmesser aus der Oper in eine Figur - ebenso die weibliche Hauptfigur Eva (Camilla Nylund) und Richard Wagners Ehefrau Cosima.

Die Inszenierung beginnt kuschelig im Haus Wahnfried, wo Wagner seine kleinen Macken (Hunde-Begeisterung, eine Vorliebe für zweifelhaft riechende Parfüms und Konsum aller Art) zelebriert und mit ebensolcher Vorliebe auf dem Juden Levi herumhackt - und endet im Saal der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse.

Dort wird der Jude Levi zu Beckmesser, dem Juror im Sängerwettstreit. Für Kosky ist er die zentrale Figur in der Oper. Als Beckmesser nach zahllosen Sticheleien von Sachs schliesslich von einer Menschenmenge attackiert und verprügelt wird (auf Worte folgen nunmal fast immer Taten), verpasst Kosky ihm die Maske eines Juden-Zerrbildes - und bläst es nochmal gross auf. Kosky stellt auch dem Publikum die unangenehme Frage: Wie umgehen mit diesem Gegensatz? Und wie - gerade in Zeiten wie diesen - umgehen mit dem Werk eines Antisemiten?

Minutenlangen Applaus gibt es nach der Aufführung - vor allem für Volle als Sache und Klaus Florian Vogt als Stolzing - und einsame, erwartbare Buhs für Kosky und einige unerwartete auch für den Dirigenten Philippe Jordan. Dirigenten haben es traditionell in Bayreuth sehr viel leichter beim Publikum als Regisseure.

Ein Grossteil des Applaus gebührt dabei einem Mann, der eigentlich gar nicht eingeplant war für die Aufführung: dem dänischen Opernsänger Bo Skovhus, der den Opernabend buchstäblich in letzter Sekunde gerettet hat. Weil Beckmesser-Darsteller Johannes Martin Kränzle gesundheitlich angeschlagen nicht singen konnte, half Skovhus kurzfristig aus. Er sang vom Bühnenrand aus, während Kränzle stumm spielte. Skovhus war erst unmittelbar vor seinem Auftritt angekommen, die Festspiele hatten gebangt, ob er es rechtzeitig schafft.

Dankbaren Applaus gab es dann auch für ihn - nicht nur vom Publikum, sondern vom ganzen Team um Regisseur Kosky, der in den kommenden Jahren schmerzlich fehlen dürfte auf dem Bayreuther Spielplan.

(sda)


Anzeige
Anzeige

Das könnte Sie auch interessieren

Bondo: Bergsteiger stürzten von Felswand in Gletscherspalte
Schweiz

Bondo: Bergsteiger stürzten von Felswand in Gletscherspalte

Die beiden italienischen Bergsteiger, die am Wochenende am Piz Badile im Bergell zu Tode kamen, hatten offenbar doppeltes Pech: Die Männer stürzten in einer Felswand ab und fielen danach in eine Gletscherspalte.

Wetz schliesst KKLB und kündigt KKLA an
Regional

Wetz schliesst KKLB und kündigt KKLA an

Der Luzerner Künstler Wetz schliesst sein Zentrum Kunst und Kultur im Landessender Beromünster (KKLB) nach eigenen Angaben für immer. Er kündigte am Mittwoch ein neues Projekt mit dem Namen "KKLA - Kunst und Kommunikation von und in den Landessender Ateliers" an.

Hunderte Plätze für Frauen und Kinder in Not fehlen in der Schweiz
Schweiz

Hunderte Plätze für Frauen und Kinder in Not fehlen in der Schweiz

Die Situation der Frauenhäuser in der Schweiz hat sich seit ihrer Gründung Ende der 70-er und Anfang der 80-er Jahre zwar verbessert. Dies auch, weil die Finanzierung durch den Staat an Bedeutung gewonnen hat. Die meisten Frauenhäuser sind aber auf Spenden angewiesen.

Peter Schamonis Sammlung von Max Ernst wird versteigert
International

Peter Schamonis Sammlung von Max Ernst wird versteigert

Die Sammlung des deutschen Filmemachers Peter Schamoni von Max-Ernst-Werken wird versteigert. Mehr als 80 Arbeiten des Surrealisten aus allen Schaffensperioden bietet das Auktionshaus Phillips im Oktober in London an.