Berner Dokfilmer auf Spurensuche im Nachkriegs-Bosnien


News Redaktion
Schweiz / 05.08.22 18:03

Der Berner Dokfilmer Jan Baumgartner hat in Bosnien-Herzegowina Forensiker bei der Identifizierung von Knochen aus Massengräbern begleitet. "The DNA of Dignity" (Die DNA der Würde) wird am Sonntag in der Kritikerwoche in Locarno uraufgeführt.

Der Film
Der Film "The DNA of Dignity" zeigt die Arbeit von Forensikern der Internationalen Kommission für vermisste Personen (ICMP). (FOTO: zvg/Jan Baumgartner)

Mit den Kriegsfolgen in Bosnien-Herzegowina beschäftigte sich Baumgartner schon im Kurzfilm "Talking Soil" (Sprechendes Erdreich), der 2018 zuerst am Sarajevo Film Festival und später auch an Schweizer Festivals lief. Darin porträtierte er ehemalige Soldaten bei der Suche nach Landminen, die noch zu Tausenden im Boden stecken.

Schon damals sei ihm bewusst gewesen, "dass unter der Erde noch ganz anderes verschwunden ist, das aufgearbeitet werden muss", erzählt der 35-jährige Filmemacher im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Baumgartner bemühte sich um eine Drehgenehmigung bei der Internationalen Kommission für vermisste Personen (ICMP).

Die Kommission unterstützt Regierungen, Justizbehörden und die Zivilgesellschaft bei der Suche und Identifizierung von Verschwundenen. Im früheren Jugoslawien wurden zwischen 1991 und 1999 infolge der bewaffneten Konflikte mehr als 40'000 Personen vermisst. Bislang konnten 70 Prozent der Opfer identifiziert werden.

Baumgartner und sein Filmteam konnten die Forensikerinnen und Forensiker der ICMP bei ihrem Einsatz in Bosnien begleiten - vom sorgfältigen Ausheben neu entdeckter Massengräber über das minutiöse Zusammenfügen von Knochenresten bis hin zum computergestützten DNA-Abgleich im Labor.

"Wir wollten diesen Menschen, die im Stillen eine wichtige Arbeit leisten, eine Plattform geben", betont der Filmemacher. In der Region gelten noch immer 11'000 Menschen als vermisst.

Während Baumgartner bei den Forensikern auf viel Offenheit stiess, reagierte sein Freundeskreis in Sarajevo zunächst mit Skepsis auf sein Vorhaben. Man sagte ihm, die Leute möchten die Bilder von den Massengräbern nicht mehr sehen. Viele wollten diese Thematik abschliessen und den Krieg vergessen.

Er habe versucht, diese Kritik aufzufangen, "und die Geschichte dieser Knochen mit etwas Hoffnungsvollem zu verbinden", sagt der Regisseur. Denn für die betroffenen Familien könne die Identifizierung ihrer vermissten Angehörigen eine grosse Erleichterung sein.

Das Filmteam verzichtete jedoch bewusst darauf, bei den Ausgrabungen anwesende Familien ins Bild zu setzen - auch zu deren Schutz. Die Geschichte einer Mutter, die seit dem Krieg beide Söhne vermisst, wird im Film durch eine fiktive Figur erzählt. Dabei sei es ihm auch nicht darum gegangen, "die Schuldfrage zu stellen."

Nach Sarajevo kam Baumgartner erstmals vor 20 Jahren - damals noch als Jugendlicher für einen Austausch seiner Steinerschule mit dem dortigen Gymnasium. "Ich habe mich damals in das Land verliebt". Er reiste immer wieder vor Ort, lernte die Sprache und verbrachte für die letzten beiden Filmprojekte insgesamt sechs Jahre in Bosnien.

"Wenn ich kein Geld mehr hatte, kam ich in die Schweiz zum Arbeiten." Hier ist der gelernte Pflegefachmann für die Spitex in Bern im Einsatz und betreut täglich zwischen 12 bis 14 Patientinnen und Patienten. Der Pflege-Job sei streng und herausfordernd, aber auch bereichernd: "Jeder Patient hat seine eigene Geschichte."

Sein allererster Film "Alafia" (2016) dokumentierte den Alltag in einem Spital im afrikanischen Benin. Die Menschen dort müssen meist lange Wege - auf dem Velo oder zu Fuss - zurücklegen, um eine medizinische Behandlung zu erhalten. Nicht alle schaffen es rechtzeitig.

Zum Film kam Jan Baumgartner als Autodidakt. Eigentlich habe er Kriegsfotograf werden wollen, sagt er. Doch je mehr er sich mit Kriegsjournalismus beschäftigte, je bewusster wurden ihm die Schwierigkeiten dieses Berufs inmitten von Gewalt und Krieg. "Ich wollte nicht, dass mich das als Menschen verändert."

Seine Werke entstehen zusammen mit dem Kameramann Lukas Nicolaus und dem Filmemacher Daniel Asadi Faezi, die er während seiner Reisen kennengelernt hatte. Beide haben die Filmhochschule in München absolviert und bereits eigene Filmprojekt realisiert. Die Unterstützung durch die beiden Talente sei für ihn ein "Riesenglück".

Auch "The DNA of Dignity" hat Jan Baumgartner selber produziert und weitgehend aus eigenen Mitteln finanziert - abgesehen von einem Zustupf von 20'000 Franken, den er von Stiftungen erhalten hat.

*Dieser Text von Theodora Peter, Keystone-SDA, wurde mithilfe der Gottlieb und Hans Vogt-Stiftung realisiert.

https://www.janbaumgartner.ch/

(sda)


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