"Bildung für alle" ist gefragt - 10 Jahre Integra-Schule St. Gallen


News Redaktion
Schweiz / 12.02.20 08:32

Nach dem Motto "Bildung für alle" bietet die Integra-Schule in St. Gallen seit zehn Jahren unentgeltliche Deutschkurse für Flüchtlinge und weitere Ausländerinnen und Ausländer an. Unterrichtet werden sie von Freiwilligen. Das Angebot ist in der Region sehr gefragt.

Deutschstunde im Schulhaus Tschudiwies: Seit zehn Jahren können Flüchtlinge an der Integra-Schule in St. Gallen unentgeltlichen Unterricht besuchen. (FOTO: Michael Nyffenegger/Keystone-SDA)
Deutschstunde im Schulhaus Tschudiwies: Seit zehn Jahren können Flüchtlinge an der Integra-Schule in St. Gallen unentgeltlichen Unterricht besuchen. (FOTO: Michael Nyffenegger/Keystone-SDA)

In den Räumen des ehemaligen Primarschulhauses Tschudiwies herrscht von Montag bis Freitag ein reges Kommen und Gehen: Rund 300 Frauen und Männer besuchen jeweils zwei Mal pro Woche einen der rund 25 Deutschkurse der Integra. Die Klassen reichen von der Alphabetisierung bis zum fortgeschrittenen Niveau C1.

Der Besuch der vier Lektionen pro Woche ist gratis - zum Teil inklusive Schulbücher. Den Unterricht erteilen gegen 50 Freiwillige, darunter viele aktive und ehemalige Lehrpersonen, Sozialarbeiterinnen, Pfarrer, Leute mit Führungserfahrung aus der Industrie, aber auch Studentinnen und Studenten der Uni und der Fachhochschulen.

Abdulbasir Jalili (29) aus Afghanistan kam 2015 in die Schweiz und lernte während zweieinhalb Jahren an der Integra Deutsch. Der fleissige, hilfsbereite und freundliche Chemie-Ingenieur erlangte das Diplom B2. Er erhielt eine Aufenthaltsbewilligung, und seit Mitte 2019 arbeitet er in einer Ostschweizer Firma.

Tsetsang Karma (31) aus Tibet wohnte als Flüchtling in Mörschwil. Die Gemeinde bot mir keinen Deutschkurs an, erinnert er sich. Durch einen Kollegen erfuhr er von der Integra und meldete sich sofort. Er schaffte es bis zum Niveau B1 und konnte eine Lehre als Logistiker absolvieren. Heute hat er einen Job in Wittenbach.

Daneben gibt es auch Schülerinnen und Schüler, die nur sehr langsam Fortschritte machen. Einige haben in ihrer Heimat nie eine Schule besucht oder sie leiden an Bürgerkriegs-Traumata. Für sie ist die Integra ein wichtiger sozialer Treffpunkt. Das Büro des Solinetzes, das sich neu ebenfalls im Tschudiwies befindet, bietet Hilfe.

Die Integra ist gefragter denn je, sagt Christian Crottogini. Der ehemalige Chef des städtischen Schulamts gehört der fünfköpfigen ehrenamtlichen Integra-Schulleitung an. Jeweils am Donnerstag hält er im Tschudiwies Sprechstunde, macht Einstufungstests und teilt neue Schülerinnen und Schüler in die passende Klasse ein.

Kamen vor einigen Jahren viele Flüchtlinge aus Tibet, Eritrea, Somalia, Syrien, Afghanistan oder Sri Lanka an die Integra, sind es derzeit mehr Leute aus dem Familiennachzug, wie Crottogini erklärt. Zudem gibt es eine neue Gruppe von italienischen und portugiesischen Berufstätigen in Tieflohn-Jobs, die sich keine kostenpflichtige Deutschkurse leisten können.

Begonnen hatte alles 2009 mit einem über Spenden finanzierten Projekt des Solidaritätsnetzes Ostschweiz im alten Schulhaus St. Fiden. Zu den Initiantinnen gehörte Stephanie Sierra. Die pensionierte Mittelschullehrerin, die kürzlich ihren 75. Geburtstag feierte, wirkt bis heute als engagierte Schulleiterin und Lehrerin mit.

Sierra gilt als strenge Professorin - vor allem bei der Vorbereitung auf Prüfungen. Dies bewähre sich, betont sie schmunzelnd. Über 130 Diplome der Stufen A2, B1 und B2 von Integra-Schülerinnen und -Schülern sind ein Erfolgsausweis. Praktisch alle bestehen jeweils die Prüfungen, sagt Sierra.

Die Räume im Tschudiwies - vier Schulzimmer, ein Aufenthaltsraum und ein Büro - findet die Lehrerin ideal. Seit Sommer 2018 befindet sich die Integra hier im ehemals leer stehenden Primarschulhaus. Zusätzlich gibt es vier kleine Ableger mit Deutschkursen in Herisau, Wil, Wattwil und Widnau.

Ende 2016 gründete die Schulleitung den Verein Integra. Über diesen erhält die Schule inzwischen Geld von der Stadt St. Gallen, von Gossau, Wittenbach und weiteren Gemeinden. Seit Mitte 2019 stehen den Gemeinden deutlich mehr Mittel zur Verfügung, sagt Christian Crottogini, der die Beiträge jeweils aushandelt.

Mit dem Geld finanziert die Integra ihre Miet- und andere Infrastrukturkosten sowie die Schulbücher. Beliebt ist auch ein Sommerferien-Programm für Jung und Alt.

Am 15. Februar feiert die Integra-Schule ihr zehnjähriges Bestehen mit einem Fest im Tschudiwies. Neben Kaffee und Gipfel, Liedern, Tänzen und kulinarischen Leckerbissen aus aller Welt gibt es einen Film über die Schule sowie Schnupperkurse in Tibetisch, Arabisch, Tigrinia oder Farsi.

Stadträtin Sonja Lüthi sieht in der Integra ein wichtiges Zeichen für eine aktive und solidarische Zivilgesellschaft, wie sie in ihrem Grusswort zur Jubiläumsbroschüre schreibt. Für Asylsuchende, Menschen mit wenig Einkommen oder prekären Aufenthaltsperspektiven sei die Schule ein wichtiger Anknüpfungspunkt zum städtischen Leben.

www.integra-sg.ch

(sda)


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