Das abrupte Ende für den Spätzünder


News Redaktion
Sport / 30.03.20 04:03

Clay Regazzoni ist einer der charismatischsten Autorennfahrer der Siebzigerjahre. Heute vor 40 Jahren endet die Formel-1-Karriere des Spätberufenen auf tragische Weise.

Clay Regazzoni hinterliess nicht nur in der Formel 1 seine Spuren (FOTO: KEYSTONE/AP)
Clay Regazzoni hinterliess nicht nur in der Formel 1 seine Spuren (FOTO: KEYSTONE/AP)

An jenem Freitag, dem 15. Dezember 2006, hatten sie im Festsaal des Theaters in Parma vergebens gewartet. Es wurde nichts aus der fröhlichen Runde des Clubs Italia. Clay Regazzoni, das prominenteste Mitglied der von Auto-Fanatikern gegründeten Vereinigung, kam dort nie an. Er war auf der Autobahn bei Fontevivo nahe der Stadt im Alter von 67 Jahren tödlich verunfallt.

Regazzoni, mit fünf Siegen der erfolgreichste Schweizer Formel-1-Fahrer, prallte in einen vor ihm fahrenden Lastwagen. Die Ursache wurde nie schlüssig geklärt. Untersuchungen hatten lediglich ergeben, dass Regazzoni beim Zusammenstoss mit rund 80 Stundenkilometern unterwegs war - im Schneckentempo sozusagen für einen, der im Normalfall mit 300 Sachen durchs Leben gerast war.

Das Leben als Automobilrennfahrer hatte für Regazzoni im Jahr 1963 begonnen. In der Formel 3 und der Formel 2 machte er sich bald einen Namen. 1970 wurde er Formel-2-Europameister und stieg gleichzeitig zum Formel-1-Fahrer auf. Sein Ruf war auch in Maranello angekommen. Enzo Ferrari, der allmächtige Herrscher der Scuderia, engagierte ihn für die zweite Saisonhälfte.

Schon in seinem fünften Rennen, dem Grand Prix von Italien, feierte Regazzoni seinen ersten Sieg in der Formel 1. Dem Spätzünder schien es nicht schnell genug gehen zu können mit der Etablierung in der wichtigsten Rennserie. Ausgerechnet in Monza schaffte er den schnellstmöglichen Durchbruch. Es war der Tag nach seinem 31. Geburtstag, vor allem aber der Tag, nach dem Jochen Rindt in einem Lotus im Training tödlich verunglückt war. Es hatte Pietätloses an sich, was sich nach Regazzonis Triumph trotz der Tragödie abspielte. Es herrschte Volksfeststimmung unter den Tifosi, der Königliche Park war für die Mehrheit der 230000 Zuschauer ein Hort der Glückseligkeit.

Die teaminterne Glückseligkeit endete fürs Erste nach zwei weiteren Saisons. Nach einem kurzen Intermezzo im Team BRM kehrte Regazzoni aber zu den Roten zurück - und verpasste im ersten von drei Jahren den WM-Titel nur knapp. Drei Punkte gaben im Duell mit dem Brasilianer Emerson Fittipaldi den Ausschlag zu seinen Ungunsten. Nach je einem Jahr in Diensten der Equipen von Ensign und Shadow folgte der Wechsel ins Team Williams, dank dem sich Regazzoni wieder Richtung Spitze orientieren konnte. Im Juli 1979 gewann er den Grand Prix von Grossbritannien und sorgte damit für den ersten Sieg seines Arbeitgebers in der Formel 1.

Regazzoni musste am Ende jener Saison trotzdem weichen. Frank Williams hatte sich für den Argentinier Carlos Reutemann als zweiten Fahrer neben dem bevorzugt behandelten Australier Alan Jones entschieden. Regazzoni liess sich auf ein zweites Engagement bei Ensign ein. Die neuerliche Partnerschaft mit Mo Nunn dauerte nur noch vier Rennen, bis zum Grand Prix der USA West, in dem sich Regazzonis Leben auf dramatische Art verändern sollte. Es war Sonntag, der 30. März 1980.

An vierter Stelle liegend kam Regazzoni von der Strecke ab, stiess in der Auslaufzone mit dem Brabham des ausgeschiedenen Argentiniers Ricardo Zunino zusammen und schlug mit hoher Geschwindigkeit in einer nur notdürftig mit Reifen geschützten Mauer ein. Die Technik hatte ihn im Stich gelassen. Am Auto war das Bremspedal gebrochen. Zahlreiche Knochenbrüche und vor allem die Querschnittlähmung waren die fatalen Folgen.

Das Glück, das er zuvor bei vielen anderen, teils ebenso schweren Unfällen gehabt hatte, stand Regazzoni diesmal nicht zur Seite. Die Formel 1 verlor mit einem Schlag einen ihrer charismatischsten Vertreter, einen Mann der Extreme, einen Kämpfer und Draufgänger - und vor allem einen Fahrer, der sich nicht in ein Schema pressen liess, dem das Standardisierte fremd war. Regazzoni war ein Genussmensch und ein Lebemann, der seiner Arbeit aus schierer Freude nachging.

Auf privater Ebene hatte das Leben in der Hochgeschwindigkeitszone und im Scheinwerferlicht schon zuvor seinen Tribut gefordert. Regazzoni entfremdete sich seiner Familie, Ehefrau Mariapia, Sohn Gian Maria und Tochter Alessia, immer mehr. Die Entwicklung machte ihm zu schaffen. Als Ausweg blieb Mitte der Achtzigerjahre trotzdem nur die Trennung. Den Kontakt hielt er aber auch mit neuer Partnerin an seiner Seite aufrecht. Mit der Tessinerin Maddalena Mantegazzi lebte er zuletzt in Menton an der Côte dAzur.

Der Schweiz ein erstes Mal den Rücken gekehrt hatte Regazzoni bereits früher. Wegen Problemen mit der Steuerbehörde, dem Militär und der Polizei siedelte er nach Monte Carlo über. Den Gang ins Exil sah er als Flucht aus einem Land, mit dem er keine Heimatgefühle mehr verband. Er sah sich als missverstandener Aussenseiter. Er vermisste die Toleranz. Die Schweiz bot ihm nicht mehr die Gewähr, ohne Aufsehen aus der Normalität ausbrechen zu können.

Die Leidenschaft Autorennsport liess auch den im Rollstuhl sitzenden Regazzoni nicht los. Er kämpfte sich mit dem ihm eigenen Willen zurück und bestritt Rallye-Rennen rund um den Erdball. Selbst mit der Rückkehr in die Formel 1 kokettierte er. Sein Antrag auf die entsprechende Lizenz wurde allerdings zurückgewiesen.

Abseits der Rennszene sah Regazzoni seine Paraplegie als Chance. Er setzte sich für die Rechte der Behinderten ein, riss Barrieren ein und baute Vorurteile ab. Er wollte Vorbild sein und seinen Leidensgenossen Mut machen. In der Nähe von Rom gründete er eine Fahrschule für Behinderte und entwickelte Fahrhilfen, die heutzutage Standard sind. Die behindertengerechten Anpassungen beim Gas- und Bremspedal waren auch dem eigenen Freiheitsdrang förderlich.

Am Lenkrad eines Autos fühlte sich Regazzoni wie ehedem im Element. Seine letzte Fahrt endete gleichwohl abrupt, im Heck eines Lastwagens. Wenige Kilometer vom Ziel in Parma entfernt, wo seine Freunde des Clubs Italia vergeblich auf ihn warteten.

(sda)

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