Das Hochwasser von 1868 prägt die Schweiz bis heute


Roman Spirig
Regional / 11.09.18 17:30

Vor 150 Jahren wurde der Schweizer Alpenbogen von schweren Hochwassern heimgesucht. Nun kennen Berner Forscher die Ursachen und auch die Auswirkungen dieser Flutkatastrophe sehr genau. Und eines ist klar: Das Ereignis prägt die Schweiz bis heute.

Das Hochwasser von 1868 prägt die Schweiz bis heute  (Foto: KEYSTONE / STR)
Das Hochwasser von 1868 prägt die Schweiz bis heute (Foto: KEYSTONE / STR)

In einer nicht für eine Fachpublikum verfassten Publikation geht ein 28-köpfiges Autorenteam vom Oeschger Zentrum für Klimaforschung der Universität Bern unterschiedlichsten Aspekten des Ereignisses nach, darunter nicht nur naturwissenschaftlichen. Denn Naturkatastrophen sind mitunter Katalysatoren politischer und gesellschaftlicher Veränderungen. So geschehen 1868.

Der aus einer konfliktreichen Periode 1848 hervorgegangene Bundesstaat wollte zunächst noch wenig wissen von Hochwasserschutz, obschon der Schweizerische Forstverein auf Massnahmen drang.

Landgewinnung für die wachsende Bevölkerung war angesagt. Zudem waren auch die alten Differenzen unter den Ständen noch nicht vergessen. Kantone und Gemeinden pochten auf ihre Autonomie. Beim Bund sollte nicht zu viel Macht zentralisiert werden.

Erst nach der Flutkatastrophe von 1868 wurde der Hochwasserschutz als Bundesangelegenheit in der Verfassung verankert und in einer Wasserbaupolizei- und Forstpolizei-Gesetzgebung ausformuliert. Das Extremereignis von 1868 wirkt bis heute nach und prägt Siedlungsflächen, Gewässer und den Bergwald.

Der Forstverein hatte die Gunst der Stunde genutzt und dem Bund ein umfangreiches Massnahmenpaket vorgelegt. Innerhalb einer Dekade wurden die Massnahmen nun zügig umgesetzt. Eine davon ist noch heute sehr aktuell: der Schutz des Bergwaldes.

Doch auch der Bundesrat nutzte die Gunst der Stunde auf seine Weise. Obwohl die Flutkatastrophe vorwiegend das Tessin, Graubünden, das Wallis sowie Bergregionen in der Ost- und Innerschweiz betraf, machte er das Hochwasser zum ersten "Landesunglück".

Erstmals übernahm der Bund die Federführung in einer Katastrophenlage. In einem flammenden Appell an die Bruderliebe der Eidgenossen rief der Bundesrat die Bevölkerung zu Spenden auf. Das Geld floss reichlich und die Katastrophe beflügelte das "Wir-Gefühl" in dem noch wenig gefestigten Bundesstaat.

Dabei sei dem Bundesrat auch zupass gekommen, dass vor allem die Bergregionen betroffen waren. Denn "die Alpen waren so etwas wie der kleinste gemeinsame Nenner des jungen Bundesstaats", wie die Berner Wissenschaftlerin Stephanie Summermatter am Dienstag im Haus der Akademien bei der Präsentation der neuen Broschüre sagte.

Auch die naturwissenschaftliche Seite des Ereignisses wird in der Publikation eingehend beleuchtet. Wetter-Messdaten gab es damals zwar bereits, aber noch nicht sehr detaillierte. Bekannt ist aus dem fraglichen Zeitraum ein grossräumiges Tiefdruckgebiet über Zentraleuropa mit einem Ausläufer über den Alpen und einer Tiefdruckrinne bis Nordafrika.

Nun mussten die Forscher "mit einer Zeitmaschine", wie der Berner Geograph Stefan Brönnimann die Methode umschrieb, die lokale Wetterlage von 1868 rekonstruieren. Die Forscher wandten verschiedene Downscaling-Techniken an, um lokal relevante Modelle zu erhalten. Darin werden eine Vielzahl an Faktoren berücksichtigt wie topographische Gegebenheiten vor Ort.

Die rekonstruierte Wettersituation ermöglichte es den Forschenden, hydrologische und hydraulische Modelle zu errechnen, die das Ausmass des damaligen Hochwassers simulierten.

Dabei stellten die Forscher unter anderem fest, dass ein Hochwasser dieses Ausmasses am Lago Maggiore heute nicht mehr möglich wäre. Die Fluten von 1868 erodierten die Sohle des Flusses Tessin zu stark. Dennoch wären auch bei einer heutigen Flut zahlreiche Infrastrukturen und Gebäude betroffen.

Nach einer Häufung von Hochwassern im 19. Jahrhundert geriet die Gefahr etwas in Vergessenheit. Die Schweiz erlebte bis in die 1980-er Jahre eine Zeit ohne viele Hochwasser. So wurden immer mehr Infrastrukturen und Bauten in Gebieten errichtet, die potenziell von Hochwassern betroffen sein könnten.

Erst mit den Fluten der vergangenen Jahrzehnte rückte das Thema des Hochwasserschutzes wieder ins Zentrum. Und heute ist klar, dass die seinerzeit gebändigten Gewässer wieder natürlichen Raum erhalten sollen. Warum es im 19. Jahrhundert mehr Hochwasser auslösende Wetterlagen gab als im 20. Jahrhundert, wissen die Forscher indessen noch nicht.

www.geography.unibe.ch/1868

(sda)


Anzeige
Anzeige

Das könnte Sie auch interessieren

Bundesrat erhöht 2019 die AHV-Renten
Regional

Bundesrat erhöht 2019 die AHV-Renten

Weil Preise und Löhne steigen, erhöht der Bundesrat die AHV- und IV-Renten. 2019 steigt die Minimalrente um 10 Franken, die Maximalrente um 20 Franken. Die Kosten belaufen sich auf 430 Millionen Franken pro Jahr.

Urner Regierung weist Gesuch zu Kraftwerk-Alternative zurück
Regional

Urner Regierung weist Gesuch zu Kraftwerk-Alternative zurück

Die Urner Baudirektion weist ein Gesuch von Umweltorganisationen zurück, die ein geplantes Wasserkraftwerk im Meiental zugunsten des "Landschaftsrappen" stoppen wollten. Es handle sich nicht um ein Kraftwerk- sondern um ein Schutzprojekt, argumentiert sie.

Bundesrat will Zugang zu Medikamenten vereinfachen
Schweiz

Bundesrat will Zugang zu Medikamenten vereinfachen

Der Bundesrat möchte den Zugang zu Medikamenten für die Bevölkerung vereinfachen. Ab nächstem Jahr können Apotheken weitere Arzneimittel in eigener Verantwortung abgeben. Gleichzeitig will der Bundesrat die Rahmenbedingungen für Forschung und Industrie verbessern.

Glarner Jäger schiessen deutlich weniger Hirsche
Regional

Glarner Jäger schiessen deutlich weniger Hirsche

Die Jäger im Glarnerland haben auf der zweiwöchigen Hochwildjagd im September deutlich weniger Hirsche geschossen als im Vorjahr. Deshalb ist es ihnen erlaubt, auch auf der Rehjagd im Oktober Hirsche zur Strecke zu bringen.