Basel schreibt Geschichte und träumt vom ganz grossen Coup


SDA
/ 08.05.20 10:35

Der FC Basel erreichte im April 2013 zum bislang einzigen Mal die Halbfinals im Europacup. Er setzte sich im Viertelfinal der Europa League vor traumhafter Kulisse gegen Tottenham im Penaltyschiessen durch und träumte danach zu Recht vom ganz grossen Coup.

Nach diesem Abend am 11. April 2013 erschien selbst das fast Undenkbare möglich: ein Schweizer Triumph im Europacup. Die Basler Spieler sprachen nach dem Match zu fortgeschrittener Stunde in den Gängen des St. Jakob-Parks offen über ihre Titelträume. Und auch Präsident Bernard Heusler, Sportchef Georg Heitz und Trainer Murat Yakin dürften darüber fantasiert haben, als sie in den Morgenstunden in einem Restaurant am Barfüsserplatz die magische Nacht ausklingen liessen.

Stunden zuvor hatte der FC Basel zum zweiten Mal innerhalb einer Woche gegen Tottenham 2:2 gespielt. Auf das Remis auswärts folgt jenes daheim mit Verlängerung und Penaltyschiessen als Zugabe. Der Schweizer Meister zeigte dabei alles, was man von einem Europacup-Sieger erwartet: Er reagierte auf einen frühen Rückstand, überwand einen späten Ausgleich, verdaute verpasste Chancen und bewies zum Ende Nervenstärke.

Konkret: Aleksandar Dragovic und Mohamed Salah machten noch in der ersten Halbzeit aus dem Rückstand eine Führung. In der 82. Minute rettete Clint Dempsey, der Ersatz für den verletzten Superstar Gareth Bale, Tottenham in die Verlängerung. Gegen zehn Londoner verpasste Basel dann mehrmals die Entscheidung knapp. Im Penaltyschiessen hielt Goalie Yann Sommer einen Versuch und sah einen weiteren über seine Latte fliegen. Die vier Basler trafen alle, zuletzt Marcelo Diaz um 23.44 Uhr.

Der ausverkaufte St. Jakobs-Park mit seinen 36'500 Zuschauern tobte vor Freude und ein Teil der Tribünen verschwand hinter Rauchwolken. Die letzten Feuerwerke waren in der Muttenzerkurve gezündet worden. Doch der sonst in diesen Fällen zuverlässig mahnende Stadionspeaker hielt sich zurück. Er hatte an diesem Abend Wichtigeres zu sagen: "Merci für die Glücksgefühle!" Der FC Basel hatte zum ersten Mal den Halbfinal im Europacup erreicht, als erster Schweizer Klub seit 35 Jahren.

Die Basler Fans und Spieler hatten bis im April schon einige Dramatik rund um ihren Klub erlebt, nicht zuletzt auch neben dem Feld. Im Oktober ersetzte die FCB-Führung - trotz dem schlechten Saisonstart für viele überraschend - den beliebten Trainer Heiko Vogel durch Yakin. Mitte März wurde bekannt, dass der nicht mehr regelmässig zum Einsatz gekommene Alex Frei als Sportchef zu Luzern wechseln würde. Über beides wurde im Umfeld heftig und kritisch diskutiert.

Aber auch auf dem Feld verlief längst nicht alles unproblematisch. Im August benötigte Basel einen von Sommer in der 92. Minute des Rückspiels parierten Penalty, um sich gegen die Norweger von Molde durchzusetzen und sich im Europacup zu halten. Auch im Achtelfinal gegen Zenit St. Petersburg hielt Sommer in der Schlussphase einen Elfmeter, der eine voraussichtlich mühsame Verlängerung in der russischen Metropole verhinderte.

Selbst in der Luft gab es Probleme. Auf dem Weg nach St. Petersburg musste der Flieger in Berlin zwischenlanden, weil Mittelfeldspieler Mohamed Elneny unwohl war. Die Rückkehr gestaltete sich noch mühsamer. Wegen eines beschädigten Flugzeugs und schikanösen Beamten musste die Mannschaft zwölf Stunden in verschiedenen Bereichen des Flughafens ausharren. Die Auslosung der Viertelfinals verfolgten die Spieler an einer Bar. Das bevorstehende Duell mit Tottenham nahmen sie jubelnd zur Kenntnisse, als hätten sie den "grössten Erfolg in der Geschichte des FCB" (Basler Zeitung) schon vor Augen.

Yakin standen in jener Saison eine ganze Reihe von überragenden Spielern zur Verfügung: Alex Frei, Marco Streller, Fabian Frei, Valentin Stocker, Philipp und David Degen oder Mohamed Salah. Aber einige Monate vor dem Halbfinal-Einzug hatte niemand einen solchen Höhenflug erwartet. Die ersten Wochen ohne die weggezogenen oder zurückgetretenen Xherdan Shaqiri, Granit Xhaka, Scott Chipperfield und Benjamin Huggel waren schwierig, geprägt etwa vom Ausscheiden in der Champions-League-Qualifikation gegen die Rumänen von Cluj.

Zum ganz grossen Triumph reichte es dann nicht ganz. Im Halbfinal verlor der FC Basel zweimal gegen den damaligen Champions-League-Titelhalter Chelsea. Neun Monate nach dem Start vor 1000 Zuschauern in Tallinn und 20 Europacup-Partien später endete die längste Europacup-Kampagne in der Geschichte des FC Basel - ohne Trophäe, aber mit der Erinnerung an viele Glücksgefühle.

Seit 1955 gibt es den Europacup. In normalen Zeiten gehen die Wettbewerbe in diesen Wochen in die alles entscheidende Phase. Schweizer Vereine sind dabei nur in Ausnahmefällen noch dabei. Aber auch wenn es noch nie ein heimisches Team in den Final geschafft hat, gibt es doch zahlreiche legendäre Schweizer Europacup-Abende. Auf diese blicken wir in dieser Serie zurück.

(sda)


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