Die grösste Schweizer Problemzone liegt vorne


News Redaktion
Sport / 13.06.21 11:15

Die Analyse des ersten EM-Auftritts der Schweiz und des enttäuschenden 1:1 in Baku gegen Wales fördert ein nicht unbekanntes Defizit zu Tage: Die Problemzone liegt in der Offensive.

Es ist zum Verzweifeln: Haris Seferovic wartet seit elf Spielen auf ein Tor bei einer Endrunde (FOTO: KEYSTONE/JEAN-CHRISTOPHE BOTT)
Es ist zum Verzweifeln: Haris Seferovic wartet seit elf Spielen auf ein Tor bei einer Endrunde (FOTO: KEYSTONE/JEAN-CHRISTOPHE BOTT)

Die Schweizer hatten es sich so schön ausgemalt. Mit drei Punkten aus dem Startspiel gegen Wales im Gepäck wollten sie am späten Samstagabend ins Flugzeug steigen und mit Ruhe und einer guten Ausgangslage zum zweiten Gruppenspiel gegen Italien nach Rom fliegen. Sie taten einiges dafür, sich diesen Wunsch zu erfüllen. Sie hatten mehr Ballbesitz, mehr Torschüsse, mehr Pässe und mehr Corner als der Gegner. Doch eines hatten sie nicht: mehr Tore.

Deshalb fühlt sich dieses 1:1 im EM-Startspiel wie eine Niederlage an. Es ist, als hätten wir zwei Punkte verloren, sagte Torhüter Yann Sommer. Auch Trainer Vladimir Petkovic verbarg seine Enttäuschung nicht. Wir sind nicht zufrieden. Gründe für den misslungenen Schweizer Auftakt gibt es einige: Die Passivität während 20 Minuten nach dem Führungstor durch Breel Embolo kurz nach der Pause. Oder die mangelhafte Organisation in der Abwehr beim Corner, der zum Ausgleich durch Kieffer Moore führte. Oder die Abschlussschwäche der Schweizer, die von 18 Schüssen nur 4 auf das gegnerische Tor brachten.

Ja, die Mängel vor dem gegnerischen Tor. Vor allem sie brachten die Schweizer um den Lohn für ihre Anstrengungen. Wir waren zu wenig konkret, zu wenig effizient, urteilte Petkovic. Es fehlte der unbedingte Wille, das Tor zu erzielen. Der Wille etwa, den Embolo in der 49. Minute zeigte, als er sich erst mit einem Antritt eine gute Chance ersprintete, um dann nach einem Corner im Zweikampf standhaft zu bleiben und per Kopf das Führungstor zu erzielen.

Solche Aktionen im gegnerischen Strafraum waren zu selten. Die fehlende Effizienz, der fehlende Biss, die fehlende Klasse auch, sind aber nicht neu. Diese Probleme hatten wir schon früher, sagte Petkovic. Sein Team schiesst nicht wenige Tore, zumindest nicht, wenn es gegen Gibraltar (6:0), Bulgarien (3:1) oder Liechtenstein (7:0) geht.

Aber es ist augenfällig, wie schwer sich die Schweiz an Endrunden tut. Das Spiel gegen Wales war das neunte an einem Turnier unter Petkovic. Erzielt hat die Schweiz dabei ganze neun Tore. Auch deshalb hat sie an Welt- und Europameisterschaften unter Petkovic von nun neun Spielen nur zwei gewonnen. Bei keinem ist die kärgliche Ausbeute so offenkundig wie bei Haris Seferovic. Seit seinem Tor im WM-Spiel 2014 gegen Ecuador ist er in elf Partien an Endrunden erfolglos geblieben. Gegen Wales kam Seferovic vier Mal zum Abschluss, das Tor getroffen hat er dabei nie.

Ähnlich enttäuschend war der Auftritt von Xherdan Shaqiri. Er schlug zwar den Corner, der zum 1:0 führte, ansonsten war sein Output aber dürftig. Nach 66 Minuten ohne Torschuss wurde er ausgewechselt. Shaqiri war nicht der Spieler, der den Unterschied macht, sondern der Spieler, dem man ansah, dass er bei Liverpool seit drei Jahren nur eine Randfigur ist. Mehr Gefahr ging in der Schlussphase vom eingewechselten Mario Gavranovic aus. Das vermeintliche Siegestor des Tessiners wurde vom VAR wegen einer Offsidestellung annulliert. Es war ein Zentimeter-Entscheid.

Petkovic wird Seferovic und Shaqiri das Vertrauen trotzdem nicht entziehen. Seferovic hat noch in jedem Turnier eine zweite Chance erhalten, ehe er im dritten Spiel draussen bleiben musste. Und zu Shaqiri sagte Petkovic bereits nach der Partie. Ich habe ihn ausgewechselt, weil ich an die weiteren Aufgaben denken musste. Wir brauchen Shaqiri in den nächsten Spielen.

Das nächste Spiel steht am Mittwoch gegen Italien an. Es ist ein Gegner, gegen den die Schweiz im Verlaufe der Geschichte oft gut ausgesehen, aber selten gewonnen hat. Der letzte Sieg liegt über 28 Jahre zurück. In Rom könnte bereits ein Unentschieden ein gutes Resultat sein, gegen ein Italien, das seit 28 Spielen ungeschlagen ist und zuletzt neun Siege ohne Gegentor aneinandergereiht hat.

Aber selbst ein Remis würde nichts daran ändern, dass die Schweiz dann das letzte Spiel gegen die Türkei womöglich gewinnen müsste, um die Achtelfinals zu erreichen. Ja, es wäre alles so viel einfacher, hätte man dieses Startspiel gegen Wales gewonnen - und wäre am Samstag mit drei Punkten und ohne Sorgen in den Abendhimmel von Baku entschwebt.

(sda)


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