Die Katastrophe vor dem Meistercupfinal im Heysel-Stadion


News Redaktion
Sport / 29.05.20 04:03

Heute vor 35 Jahren findet eine der grössten Katastrophen im europäischen Fussball statt. Vor dem Meistercupfinal zwischen Juventus und Liverpool im Brüsseler Heysel-Stadion sterben 39 Menschen.

Der Block Z ist nach dem Unglück verlassen, der Match soll wenige Minuten später trotzdem beginnen (FOTO: KEYSTONE/AP/ANONYMOUS)
Der Block Z ist nach dem Unglück verlassen, der Match soll wenige Minuten später trotzdem beginnen (FOTO: KEYSTONE/AP/ANONYMOUS)

Es sind Bilder, die sich eingeprägt haben: von panischen Massen, verstört umherirrenden Zuschauern, umgekippten Zäunen und Verletzten, die vor dem Stadion versorgt werden. Aber auch Bilder von einem Spiel, das trotz der Tragödie und für viele heute unverständlich mit nicht mal 90 Minuten Verspätung angepfiffen wurde. In der Statistik ist vermerkt: Juventus Turin - Liverpool 1:0, Tor: 58. Michel Platini (Foulpenalty).

Als das Spiel begann, hatten schon viele TV-Stationen ihre Übertragung beendet. Das Schweizer Fernsehen brach die Berichterstattung nach der ersten Halbzeit ab. Das Ausmass der Katastrophe war zu diesem Zeitpunkt bekannt. Die Feindseligkeiten zwischen den beiden Fangruppen, der Angriff der Liverpooler Anhänger und die darauf folgende Panik kostete 39 Menschen, grösstenteils Italiener, das Leben. Über 450 Zuschauer wurden verletzt.

Bei der Aufarbeitung zeigte sich, dass die Katastrophe von vielen Nachlässigkeiten begünstigt worden war. Obwohl die beiden Fangruppen schon am Nachmittag in der Brüsseler Innenstadt aneinandergeraten waren, gab es kaum Kontrollen am Eingang des Stadions. Tickets, die sich Liverpool-Fans über die Stadionmauern weitergaben, wurden mehrmals für den Einlass benutzt. Die Anhänger von Juventus Turin hatten ihre Eintrittskarten zum Teil von einem italienischen Reisebüro, das Plätze in einem Sektor vermittelt hatte, der für die neutralen Zuschauer gedacht war.

Dieser Sektor, der Block Z, befand sich unmittelbar neben jenem, in dem die Fans des FC Liverpool standen. Nur ein Maschendrahtzaun und ein gutes halbes Dutzend Polizisten trennten die beiden Bereiche. Zunächst provozierten sich Liverpooler und Turiner mit Gesten und Gesängen, dann flogen Feuerwerkskörper und Steine des brüchigen Stadions über den Zaun. Eine halbe Stunde vor dem Anpfiff eskalierte die Situation vollends, als die zum Teil schwer betrunkenen englischen Fans den Zaun niederrissen. Die panischen Zuschauer im Block Z versuchten sich über die Stadionmauer zu retten, die unter dem Gewicht einbrach. Menschen stürzten in die Tiefe, wurden von Mauerteilen getroffen oder von der Masse erdrückt.

Die belgische Polizei war auf eine solche Notfall-Situation nicht vorbereitet. Nur acht Sicherheitsleute standen bereit, um die Liverpooler Fans am Eindringen in den neutralen Sektor zu hindern. Verstärkungen konnten sie zunächst nicht anfordern, weil ihre Funkgeräte keine Batterien hatten. Aber auch die UEFA kam ihren Pflichten nicht nach: Das Stadion war in einem miserablen Zustand und eigentlich bei der Inspektion am Vorabend durchgefallen.

Wen wieviel Schuld am Unglück trifft, war jahrelang ein Thema. Der damalige Generalsekretär des belgischen Verbandes, Albert Roosens, und der Polizeichef Johan Mathieu wurden vom Brüsseler Gericht genauso zu bedingten Gefängnisstrafen verurteilt wie der damalige Schweizer UEFA-Generalsekretär Hans Bangerter. 14 Fans des FC Liverpool sassen Haftstrafen ab. Die englischen Klubs wurden fünf Jahre aus dem Europacup ausgeschlossen, Liverpool eine zusätzliche Saison. Aber auch die Ultras von Juventus Turin trugen mit ihren Provokationen im Verlauf des Tages einen Teil zum Unglück bei.

Um 21:39 Uhr pfiff der jurassische Schiedsrichter André Daïna die Partie an, obwohl sie ihre Bedeutung längst verloren hatte. Der heute 79-Jährige, der im Vallée de Joux lebt, will über jenen Tag nicht mehr reden. Nicht dass er davon traumatisiert wäre, aber von der Aufmerksamkeit hat er genug. Verschiedentlich hat Daïna die Angst vor weiteren Ausschreitungen als Grund für den Anpfiff genannt. Den Match durchzuführen war der beste Entscheid, oder der am wenigsten schlechte sagte der WM-Referee von 1986.

35 Jahre später ist einiges anders geworden in den Stadien. Internationale Spiele finden vor sitzendem Publikum statt, gewaltbereite Fans sind meistens registriert und die modernen Arenen für Notfälle gerüstet. Auch das Heysel-Stadion hat sich gewandelt. Es wurde 1995 komplett renoviert und heisst seither Stade Roi Baudouin. Eine Sonnenuhr und eine Gedenktafel erinnern an den 29. Mai 1985.

(sda)


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