Ein Fussballspiel mit weitreichenden Folgen


News Redaktion
Sport / 04.07.20 05:03

Heute ist es 66 Jahre her, dass Deutschland in Bern im WM-Final gegen Ungarn 3:2 siegte. Kein Spiel brachte so viele Legenden und Mythen hervor wie dieses - mit Folgen weit über den Fussball hinaus.

Deutschlands Doppeltorschütze Helmut Rahn jubelt nach dem Ausgleich zum 2:2 (FOTO: KEYSTONE/AP)
Deutschlands Doppeltorschütze Helmut Rahn jubelt nach dem Ausgleich zum 2:2 (FOTO: KEYSTONE/AP)

Diese Szene jährt sich am Samstag zum 66. Mal: Der deutsche Flügel Hans Schäfer flankt von der linken Seite, ein ungarischer Verteidiger wehrt mit dem Kopf ab. Helmut Rahn übernimmt den Ball an der Strafraumgrenze und trifft aus rund 14 Metern zum 3:2 für Deutschland. Wenige Minuten später ist die Auswahl der Bundesrepublik Deutschland Fussball-Weltmeister.

Die Szene wirkt besser und lebendiger, wenn man sie so erzählt: (...) Er hat den Ball verloren, diesmal gegen Schäfer. Schäfer nach innen geflankt. Kopfball. Abgewehrt. Aus dem Hintergrund müsste Rahn schiessen. Rahn schiesst! Toooor! Toooor! Tooor! Toooor! Tor für Deutschland! Und wenig später: Aus! Aus! Aus! Auuuus! Das Spiel ist aus! Deutschland ist Weltmeister!

Dies waren die Worte des deutschen Radioreporters Herbert Zimmermann. Worte aus dem Berner Wankdorfstadion, welche in Deutschland, damals gebeutelt von den Nachwirkungen des Zweiten Weltkrieges, eine Euphorie auslösten. Es war die Geburtsstunde des Wunder von Bern. Dieser Ausdruck, der so berühmt ist wie kein anderer in der Sport-Geschichte. Weil er ein Ereignis beschreibt, das - anders als etwa die Hand Gottes oder das Wembley-Tor - über die Grenzen des Fussballs und des Sports hinausgeht.

Denn Deutschland gegen Ungarn im Final der Fussball-WM, das war auch Ost gegen West. Eine Metapher für den Kampf der Systeme, der Weltanschauungen. Auf deutscher Seite wird das Wunder von Bern noch heute als die eigentliche Geburtsstunde der Bundesrepublik angesehen, als der Beginn des deutschen Wirtschaftswunders nach dem Zweiten Weltkrieg.

Doch es gibt auch die andere Seite. Die Seite der Verlierer. Die Seite der Ungarn. Für sie steht der 4. Juli 1954 für die Katastrophe von Bern. Wenige Meter von Herbert Zimmermann entfernt sass der ungarische Radioreporter György Szepesi. Nachdem Rahn aus dem Hintergrund geschossen hatte und das Spiel aus war, konnte er nicht mehr richtig sprechen. Sein Schlusskommentar aus dem Wankdorf hat Szepesi nicht vorgetragen, er hat ihn dem Volk in Ungarn vorgeweint.

In Budapest nahm die Tragödie ihren Lauf. Es kam zu Ausschreitungen. Trams wurden umgekippt, Autos angezündet und Läden geplündert. Nach und nach mündeten die Ausschreitungen in politische Kundgebungen. Erstmals seit dem Ende des Krieges gab es laute Stimmen und eine Stimmung gegen das kommunistische Regime. Der Historiker Laszlo Kutassi sagte später in einem Dokumentarfilm: Was am Abend des 4. Juli 1954 geschah, war die Hauptprobe für den Volksaufstand zwei Jahre später.

Die Propagandamedien des Regimes gossen in den Tagen nach dem verlorenen Final Öl ins Feuer. Der Sieg sei für ein paar Mercedes an den Klassenfeind verkauft worden, hiess es. Oder von gedopten deutschen Spielern war zu lesen. Und davon, dass die ungarische Mannschaft im Nachteil gewesen sei, weil die Deutschen in Bern von über 30000 Landsleuten lauthals angefeuert wurden. Gerade das letzte Argument öffnete so manchem Ungarn die Augen. Im Westen hatten sie, was die Ungarn so schmerzlich vermissten: die Reisefreiheit.

Die erste Niederlage nach vier Jahren und 32 Spielen war für Ungarn ein Schock. Zu spüren bekamen ihn am meisten die Spieler. Jahrelang waren sie die Helden einer ganzen Nation gewesen. Von den Olympischen Spielen 1952 waren Ferenc Puskas & Co. mit der Goldmedaille zurückgekehrt. Der 6:3-Sieg 1953 im Wembley gegen England gilt in Ungarn noch heute als Jahrhundertspiel. Doch der verlorene Final von Bern machte die Aranycsapat, das goldene Team, zum Symbol für die Niederlage eines ganzen Volkes, ja sogar einer ganzen Ideologie.

Mit einem Schlag verloren die Spieler ihre Privilegien, die sie dem Regime verdankt hatten. Keiner schilderte es eindrücklicher als der vor sechs Jahren verstorbene Torhüter Gyula Grosics. Matyas Rakosi, der Generalsekretär der Kommunistischen Partei, hielt uns gegenüber eine Rede. Auch der 2. Platz sei ein schönes Ergebnis. Deshalb solle niemand von uns Angst haben, bestraft zu werden für dieses Spiel. Als dieser Satz fiel, wusste ich, dass er genau das Gegenteil bedeutet. Ich wusste, dass etwas Schlimmes passieren würde.

Als die ungarische Delegation mit Fussballern und Funktionären in Budapest ankam, war die Wohnung von Nationaltrainer Gusztav Sebes längst von Randalierern verwüstet. Einzelnen Spielern wurde Folter angedroht, sie wurden vom Regime schikaniert. Grosics, dem sie seinen Fehler beim Siegestor von Rahn nie verziehen, wurde der Spionage verdächtigt, ihm wurde ein Prozess gemacht.

Er träume noch immer jede Nacht von diesem Spiel, hatte Grosics wenige Jahre vor seinem Tod in einem Interview mit dem deutschen Magazin Stern gesagt. Und er sprach aus, was für so viele Ungarn nach dem 4. Juli 1954 galt: Dieses Spiel hat mein ganzes Leben aus der Bahn geworfen.

Die ungarische Nationalmannschaft kam nach der Katastrophe von Bern nie mehr ganz auf die Beine. Schon bei der folgenden WM 1958 schied sie in der Vorrunde aus. Spieler wie Puskas, Zoltan Czibor oder Sandor Kocsis spielten da längst nicht mehr für Ungarn. Sie waren 1956 nach dem von der sowjetischen Armee blutig niedergeschlagenen Volksaufstand von Auslandsreisen mit Honved Budapest oder dem Olympiateam nicht mehr in ihre Heimat zurückgekehrt.

(sda)


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