Einblicke in die wilden Denkwelten abseits der vorsätzlichen Kunst


News Redaktion
Schweiz / 19.10.21 15:05

Jean Tinguely war fasziniert von der Art Brut. Jetzt gewährt das ihm gewidmete Museum in Basel Einblicke in den ergreifenden Kosmos der Schriftwerke und -bilder von Kunstschaffenden, die sich ihrer künstlerischen Bedeutung nicht bewusst waren oder sind.

Auf den ersten Blick wirkt das als Faksimile ausgestellte Mauerfragment wie eine mit Keilschrift-Zeilen versehene Stele aus antiker Zeit. Beim genaueren Hinsehen zeigt sich, dass es sich um die auch uns geläufige Schrift handelt, die mal von links nach rechts, aber auch in umgekehrter Richtung wilde und ganz alltägliche Gedanken aufzeichnet.

Es ist ein Werk, das der Elektriker Fernando Oreste Nannetti (1927-1994) hinterlassen hat - genauer in die Wände einer psychiatrischen Anstalt in der Toskana gekritzelt hat, in der er bis zu seinem Tod einsass.

Jeweils eine Stunde Hofgang hatten die Anstalt-Insassen, die Nannetti voll für sein Schaffen nutzte, aus innerem Antrieb heraus nutzen musste. Und wenn katatonische, also in der Regungslosigkeit verharrende Mitpatienten Mauerteile verdeckten, kritzelte Nannetti seine Zeilen halt darum herum, wie auf Abbildungen zu sehen ist.

Es ist dies das Werk eines von 13 Künstlerinnen und Künstlern, die in der Ausstellung Ecrits dArt Brut - Wilde Worte & Denkweisen im Museum Tinguely präsentiert werden. Darunter finden sich bekannte Namen wie derjenige des Berner Universalkünstlers Adolf Wölfli oder von Giovanni Battista Podestà, den Tinguely besonders schätze und auch selber sammelte, aber auch Namen von bislang weniger bekannten Künstlerinnen und Künstler.

Aber eigentlich wird man den Schöpferinnen und Schöpfern der Werke mit der Bezeichnung Künstlerin oder Künstler nicht ganz gerecht. Denn der Art Brut ist gemein, dass die meist am Rand der Gesellschaft in der Isolation von psychiatrischen Kliniken oder sonstigen ärmlichen Refugien lebenden Kunstschaffenden nicht wissen, dass sie sich in den Sphären der bildenden Kunst bewegen.

In dieser verinnerlichten Abgeschiedenheit entstanden und entstehen in seltsamer Schönschrift und mit vielen bildlichen Elementen verschmolzene Liebeserklärungen und Wutbriefe, irrwitzige Gedichte und erotische Botschaften und dergleichen mehr. Die Werke sind geprägt von einem dringlichen Bedürfnis, sich auf eine andere als alltägliche Art auszudrücken.

Weil es sich um Kunst handelt, die nicht primär für die Öffentlichkeit bestimmt war oder ist, kommt sie oftmals faszinierend ungeniert oder auch verstörend exzentrisch daher. Die Künstlerinnen und Künstler rütteln an allen Regeln und schaffen neue Sprach- und Bildwelten jenseits der Konventionen und Normen.

Die von der Art Brut-Spezialistin Lucienne Peiry kuratierte Ausstellung Ecrits dArt Brut - Wilde Worte & Denkweisen im Museum Tinguely dauert bis 23. Januar 2022.

(sda)


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