Eine Schwingersaison in Unspunnen-Grösse?


Roman Spirig
Schwingen / 10.03.21 17:29

Die Pandemie trifft die Bösen bös. Die besten Schwinger sind die Spitzensportler, die seit langem am meisten leiden. Stucki, Wicki, Reichmuth und Co. dürfen derzeit noch nicht einmal mit Schwingerkollegen trainieren. Eine aktuelle Bestandesaufnahme gibt es auf den Newsportalen radiocentral.ch und sunshine.ch.

Eine Schwingersaison in Unspunnen-Grösse? (Foto: KEYSTONE / ALEXANDRA WEY)
Eine Schwingersaison in Unspunnen-Grösse? (Foto: KEYSTONE / ALEXANDRA WEY)

Die besten Schwinger sind seriöse Spitzensportler, die den Aufwand von Berufssportlern auf sich nehmen. Dennoch gelten sie bei der Beurteilung in der Zeit der Pandemie als Amateure. Mithin sind sie von Auflagen, Restriktionen und Verboten so hart betroffen wie die Fünftligafussballer.

Noch sind es zweieinhalb Monate, bis die Hauptsaison, die Kranzfestsaison, mit den ersten Kantonalfesten beginnen soll oder beginnen sollte. Als erstes solches Fest ist das Thurgauer Kantonale am 2. Mai im Programm verblieben. Der Innerschweizer Verband ISV hat jüngst schon die Reissleine gezogen. Das Zuger, das Schwyzer, das Luzerner und das Urner Kantonale werden für heuer abgesagt und - mit gleichen Austragungsorten und gleichen Organisatoren - um jeweils ein Jahr ins 2022 verlegt. Einzig das Ob- und Nidwaldner Fest in Giswil OW hält sich noch im Jahreskalender 2021. Stattfinden soll es jedoch erst im Spätsommer.

Die Budgets der Kranzfeste - es gilt für die Kantonalfeste wie auch für die übergeordneten Teilverbandsfeste und Bergfeste - werden zu einem ganz wesentlichen Teil aufgrund der zu erwartenden Zuschauereinnahmen erstellt. Wann sich wieder Abertausende um die Sägemehlringe werden scharen können, steht allerdings in den Sternen. Erst recht in der jetzigen Zeit, in der noch nicht einmal mit allen Personalien erfasste, kontrollierbare Dauerkartenbesitzer in die Fussball- und Eishockeystadien gelassen werden.

Schwingen mit oder ohne Zuschauer - das ist eine drittrangige aktuelle Frage rund um den populären Nationalsport. Die viel wichtigeren Fragen lauten: Trainieren oder nicht trainieren? Schwingen oder nicht schwingen?

Vor allem aus gesundheitlichen Gründen ist ein regelmässiges seriöses Training vor dem Wettkämpfen unabdingbar. Ungenügendes Training würde beispielsweise die Verletzungsgefahr in den Ernstkämpfen stark anheben. Nach der letzten Runde der Lockerungen dürfen die Schwinger zwischen 16 und 20 Jahren wieder schwingen, alle älteren - also das Gros der Athleten - noch nicht. Es bedeutet, dass sämtliche bekannten und erfolgreichen Schwinger bis hinauf zum Schwingerkönig Christian Stucki einstweilen Daumen drehen müssen.

Das Bundesamt für Sport BASPO hätte eingewilligt, schweizweit 120 namentlich definierten Schwingern unabhängig vom Alter das Schwingen und mithin das Trainieren zu bewilligen. 120 Schwinger - das ist exakt die Grösse des Teilnehmerfeldes am Unspunnenfest in Interlaken. Dort erhält jeweils jeder der fünf Teilverbände ein Kontingent an Teilnehmern anhand seiner Grösse zugesprochen. Am letzten Unspunnenfest im August 2017 massen sich 33 Innerschweizer, 32 Berner, 31 Nordostschweizer, 14 Nordwestschweizer und 10 Südwestschweizer.

Dies wären wohl ungefähr die Kontingente, die dem BASPO für die Rückkehr in den Sägemehlbetrieb vorschweben. Damit ist man in der Leitung des Eidgenössischen Schwingerverbandes ESV nicht einverstanden. Vielmehr sollen im Sinne von Gleichheit und Gerechtigkeit wesentlich mehr Schwinger zurückkehren können: Schwinger in der Zahl des Teilnehmerfeldes an einem Eidgenössischen Fest. Dies wären 280 oder mehr.

Die ESV-Leitung greift also nach der Taube auf dem Dach. Die besten 120 Schwinger dagegen verlangen den Spatz in der Hand, weil ja sie persönlich die Spatzen sind. Die erste oder die zweite Lösung wird sich durchsetzen müssen. Welche es ist, lässt sich ob der unabsehbaren Entwicklung der Pandemie heute nicht sagen.

Es ist jedoch so gut wie sicher, dass heuer - anders als 2020 - wettkampfmässig geschwungen werden wird. Zwischen Mai und Juli sollen die geschützten Umgebungen der Eissporthallen in Huttwil BE und Winterthur je sechs Wettkämpfe ermöglichen. Solche Wettkämpfe würden nicht den Charme eines Brünig-Schwingets ausstrahlen, aber es wäre besser als nichts. Bis zu den beiden Saisonhöhepunkten eidgenössischer Prägung ist noch Zeit. Das Jubiläumsschwingfest 125 Jahre ESV ist für den 5. September programmiert, der Kilchberger Schwinget für den 25. September.

(sda)


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