Druck auf Ungarn nach Parlamentsausschaltung nimmt zu


News Redaktion
International / 01.04.20 01:12

Nach der Ausschaltung des Parlaments in der Corona-Krise nimmt der Druck auf die ungarische Regierung unter Viktor Orban zu - vor allem aus der Europäischen Union. Kritik kam aber auch aus den USA.

Hello Dictator! - So begrüsste der frühere EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker den ungarischen Regierungschef Viktor Orban. (FOTO: KEYSTONE/EPA ANSA/MAURIZIO BRAMBATTI)
Hello Dictator! - So begrüsste der frühere EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker den ungarischen Regierungschef Viktor Orban. (FOTO: KEYSTONE/EPA ANSA/MAURIZIO BRAMBATTI)

Während der österreichische Vizekanzler Werner Kogler einen Stopp von EU-Zahlungen an die Semidiktatur forderte, will der Vorsitzende der Europäischen Volkspartei (EVP), Donald Tusk, einen neuen Anlauf für den Ausschluss der Regierungspartei Fidesz machen.

Die Pandemie auszunutzen, um einen permanenten Ausnahmezustand aufzubauen, ist politisch gefährlich und moralisch inakzeptabel, kritisierte Tusk in einem Schreiben an die Vorsitzenden der EVP-Mitgliedsparteien.

Tusk räumte ein, dass der Kampf gegen die Pandemie durch das Coronavirus derzeit oberste Priorität habe. Aber die Zeit wird bald kommen, in der Sie Ihre Positionen erneut überdenken müssen, sagte er mit Blick auf jene EVP-Parteichefs, die bisher gegen einen Ausschluss von Fidesz aus der grössten europäischen Parteienfamilie waren.

Der EVP-Vizechef Johannes Hahn bezeichnete die Entwicklung in Ungarn als besorgniserregend. Der EU-Budgetkommissar wies zugleich darauf hin, dass die zuständigen Mitglieder der Brüsseler Behörde das ungarische Gesetz derzeit analysierten.

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hatte am Dienstag vorsichtig auf den ungarischen Beschluss vom Vortag reagiert. In einer Erklärung pochte sie darauf, dass Notmassnahmen nicht unbegrenzt dauern dürfen, nannte aber Ungarn nicht beim Namen.

Der sozialdemokratische luxemburgische Aussenminister Jean Asselborn sprach sich indes dafür aus, dass Ungarn auf EU-Ebene das Mitentscheidungsrecht entzogen wird. Ungarn gehört ohne Zeitverlust in eine strikte politische Quarantäne, sagte er der Tageszeitung Die Welt. Wir dürfen uns nicht damit abfinden, dass innerhalb der EU eine diktatorische Regierung existiert, betonte er.

Zurückhaltender fiel die Reaktion Deutschlands aus. Ein Notstandsgesetz mit weitreichenden Einschnitten ist ein Anlass zur Sorge, sagte die Sprecherin des Auswärtigen Amtes, Maria Adebahr, am Mittwoch in Berlin. Staatsminister Michael Roth werde auch deswegen noch im Tagesverlauf mit der ungarischen Justizministerin Judit Varga telefonieren.

Gegen Ungarn läuft bereits ein Rechtsstaatsverfahren der Europäischen Union, das in letzter Konsequenz zum Entzug von Stimmrechten führen kann. Ein Erfolg dieses Verfahrens ist jedoch fraglich, weil sich Budapest auf die Unterstützung Polens verlassen kann, gegen das ebenfalls ein Artikel-7-Verfahren im Gange ist. Für den Stimmrechtsentzug ist nämlich eine einstimmige Entscheidung der restlichen Mitgliedsstaaten erforderlich.

Kritik kam auch aus den USA. Eine Sprecherin des US-Aussenministeriums sagte am Mittwoch auf eine Frage zu Ungarn, Regierungen in aller Welt sollten im Kampf gegen das Coronavirus unangemessene Beschränkungen von Grundrechten vermeiden. Regierungen sollten sicherstellen, dass solche Befugnisse auf die notwendige Zeitspanne beschränkt sind, um auf die derzeitige Krise zu reagieren, und aufgehoben werden, sobald sie nicht mehr notwendig sind.

Die ungarische Regierung machte indes einen ersten Rückzieher. Ein ursprünglich geplantes Gesetz zur Entmachtung von Bürgermeistern wurde am Mittwoch zurückgezogen.

Die Gemeindeoberhäupter hätten ihre Befugnisse sogenannten Schutzkommissionen übertragen sollen. Dies hätte die Opposition weiter geschwächt, hat sie doch bei den Kommunalwahlen im Oktober die Kontrolle über die Hauptstadt Budapest und weitere Grossstädte erlangt.

Zudem kündigte das Verfassungsgericht am Mittwoch an, die nunmehr ohne parlamentarische Kontrolle amtierende Regierung künftig stärker kontrollieren zu wollen. In Ermangelung von Sitzungen des Parlaments werde das Höchstgericht nun den Entscheidungen der Regierung eine besondere Aufmerksamkeit widmen, teilte der Präsident des Verfassungsgerichtes, Tamas Sulyo,k am Mittwoch mit.

(sda)


Anzeige
Anzeige

Das könnte Sie auch interessieren

Trump will Umweltprüfungen bei Grossprojekten reduzieren
International

Trump will Umweltprüfungen bei Grossprojekten reduzieren

US-Präsident Donald Trump will beim Bau von Grossprojekten wie Autobahnen oder Pipelines weniger Umweltprüfungen. Die Wirtschaft sollte nicht mit "unnötigem Papierkrieg und kostspieligen Verzögerungen" belastet werden.

Nidwalden schränkt Abschusszahl für Gämsen ein
Regional

Nidwalden schränkt Abschusszahl für Gämsen ein

Trotzt milden Wintern schrumpft die Population der Gämsen im gesamten Alpenraum. Um die Tiere zu schonen, führt die Nidwaldner Regierung eine Abschusslimite für die kommende Jagdsaison ein.

Lukaschenko löst vor Präsidentschaftswahl Regierung auf
International

Lukaschenko löst vor Präsidentschaftswahl Regierung auf

Der weissrussische Präsident Alexander Lukaschenko hat per Dekret die Regierung aufgelöst.

Meghan zu Fall Floyd: Lage in den USA ist
International

Meghan zu Fall Floyd: Lage in den USA ist "niederschmetternd"

Herzogin Meghan (38) hat sich erschüttert über den Tod des Afroamerikaners George Floyd nach einem brutalen Polizeieinsatz und die Gewalt in den USA geäussert.