Frauen-Nationalcoach Nielsen fürchtet sich nicht vor bösen Geistern


News Redaktion
Sport / 02.12.20 14:42

0:4 statt EM-Qualifikation: Das Schweizer Frauen-Nationalteam erlebt in Belgien ein böses Erwachen. Doch Trainer Nils Nielsen sieht auch etwas Positives am nahenden Gang in die Barrage.

Frauen-Nationaltrainer gibt sich vor dem drohenden Gang in die EM-Barrage kämpferisch (FOTO: KEYSTONE/WALTER BIERI)
Frauen-Nationaltrainer gibt sich vor dem drohenden Gang in die EM-Barrage kämpferisch (FOTO: KEYSTONE/WALTER BIERI)

Kurz vor Mitternacht sass Nils Nielsen da und versuchte zu erklären. Was gar nicht so einfach war. Eineinhalb Jahre hatte das Team unter dem dänischen Trainer nicht mehr verloren, nun setzte es im letzten Gruppenspiel in Belgien ein desaströses 0:4 ab, das die Schweiz wohl um die direkte Qualifikation für die EM 2022 in England bringt. Wir fingen okay an, schenkten dann ein einfaches Tor her und verloren nach dem Ausfall von Lia Wälti den Spielfluss. Am Ende ist die Niederlage verdient, Belgien war heute klar besser, wir ganz klar nicht gut genug, resümierte Nielsen.

Vor allem dass Wälti wegen einer Hirnerschütterung nach 40 Minuten nicht mehr weitermachen konnte, war für Nielsen ein entscheidender Faktor. Wältis Bedeutung für das Team ist vergleichbar mit jener von Granit Xhaka bei den Männern. Sie ist die Leaderin im Mittelfeld, Captain, Antreiberin, Ruhepol und Schaltzentrale für Offensive und Defensive in einem. Wir versuchten, auf alles vorbereitet zu sein. In diesem Punkt war es schwierig, eine gute Lösung zu finden. Vor allem ihre Erfahrung fehlte, räumte Nielsen ein.

Um sich doch noch ohne Umweg zu qualifizieren, müsste in den ausstehenden Spielen etwa so viel für die Schweizerinnen laufen, wie an diesem verkorksten Dienstagabend in Leuven gegen sie gelaufen ist. Die besten drei Zweitklassierten schaffen es direkt an die Endrunde, die Schweiz belegt in diesem Ranking aktuell den 3. Platz, wird aber wahrscheinlich von diesem noch verdrängt, möglicherweise aufgrund des Torverhältnisses. Italien ist mit einem 2:0 im ausstehenden Spiel zuhause gegen Aussenseiter Israel vor der Schweiz, Portugal mit vier Punkten gegen Finnland und Schottland sicher Dritter. Nach diesem 0:4 rechne ich mit der Barrage, so Nielsen.

Die hohe Niederlage im entscheidenden Gruppenspiel hinterliess Spuren. Von den Spielerinnen konnte sich keine mehr zur Teilnahme an der Videokonferenz aufraffen. Sie sind sehr enttäuscht alle, räumte Nielsen ein. Im TV-Interview unmittelbar nach dem Schlusspfiff sagte Ana-Maria Crnogorcevic: Wir haben alles vermissen lassen, was es für so ein Topspiel braucht. Wir hatten kein Durchsetzungsvermögen, gewannen keine Zweikämpfe, waren immer einen Schritt zu spät. Wir waren richtig schlecht.

Der Trainer selbst muss sich den Vorwurf gefallen lassen, sich bei der Goaliefrage vergriffen zu haben. Nach dem Ausfall von Stammkeeperin Gaëlle Thalmann wegen eines positiven Corona-Tests gab er etwas überraschend Elvira Herzog den Vorzug vor Seraina Friedli. Die 20-Jährige, die nach dem Abstieg mit dem 1. FC Köln aus der Bundesliga Ende Juni zum SC Freiburg wechselte, dort aber noch kein Spiel bestritten hat, erwischte einen schwarzen Tag, war an zwei Gegentreffern nach hohen Bällen massgeblich beteiligt. Trotzdem sagte Nielsen: Würden wir morgen spielen, würde ich wieder gleich entscheiden. Normalerweise ist Elvira die Beste bei hohen Bällen.

Viermal hatten die Schweizerinnen gegen die aufstrebenden Belgierinnen zuvor nicht verloren. Aus den Verhältnissen in Leuven machte Nielsen keinen Hehl. Er versuchte aber auch, den Fokus umgehend auf das zu lenken, was nun zählt und was sogar zum Vorteil werden kann für die junge Equipe, der es in der Breite an Erfahrung mangelt. Wichtig ist, dass wir wieder aufstehen, wir noch entschlossener zurückkommen und zeigen, dass wir ein starkes Team sind, sagte Nielsen. Und: Vielleicht ist es gar nicht schlecht, dass wir jetzt noch zwei Alles-oder-Nichts-Spiele haben im April. Solche Spiele musst du lernen. Heute waren wir unsicher.

Gefragt ist bis dahin auch psychologisches Geschick. Denn nun muss Nielsen böse Geister aus den Köpfen der Spielerinnen vertreiben. 2018 hatten die Schweizerinnen, noch unter Nielsens Vorgängerin Martina Voss-Tecklenburg, in der WM-Qualifikation ebenfalls eine ausgezeichnete Ausgangslage im Finish verspielt und die Endrunde in den Playoffs verpasst.

(sda)


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