Grüne entschärfen Klima-Streit - Habeck: kämpfen um die Macht


News Redaktion
International / 21.11.20 17:14

In den Verhandlungen zum neuen Grundsatzprogramm hat die Grünen-Spitze eine besonders heikle Klippe umschifft. Parteichefin Annalena Baerbock handelte am Samstag einen Kompromiss mit Kritikern von der Parteibasis aus, die ein noch ehrgeizigeres Bekenntnis zum Klimaschutz gefordert hatten. Streit auf offener Bühne und das Risiko einer Abstimmungsniederlage konnte die Parteiführung damit gerade noch vermeiden.

Robert Habeck, Bundesvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen, hält beim digitalen Bundesparteitag der Grünen auf dem Podium seine politische Rede. Im Jahr ihres 40-jährigen Bestehens wollen die Grünen ein neues Grundsatzprogramm beschließen. Foto: Kay Nietfeld/dpa (FOTO: Keystone/dpa/Kay Nietfeld)
Robert Habeck, Bundesvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen, hält beim digitalen Bundesparteitag der Grünen auf dem Podium seine politische Rede. Im Jahr ihres 40-jährigen Bestehens wollen die Grünen ein neues Grundsatzprogramm beschließen. Foto: Kay Nietfeld/dpa (FOTO: Keystone/dpa/Kay Nietfeld)

Parteichef Robert Habeck unterstrich den Machtanspruch seiner Partei - ein Wort, das bei den Grünen nicht allzu beliebt ist, Habeck sprach gar von einem Igitt-Begriff. Optimistisch arbeiten wir an Lösungen. Und für diese Lösungen kämpfen wir um die Macht, sagte er. Erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik kämpfe eine dritte Partei ernsthaft um die Führung dieses Landes.

Nach dem Auftakt am Freitag stiegen die Grünen am Samstag tief in die inhaltliche Debatte ein - den Anfang machte ihr Kernthema Umwelt- und Klimaschutz. Im Vorfeld hatten unter anderem Mitglieder der Klimabewegung Fridays for Future den Entwurf des Bundesvorstands für das neue Grundsatzprogramm als zu wenig ehrgeizig kritisiert.

Ein Antrag, über den eigentlich abgestimmt werden sollte, verlangte, das sogenannte 1,5-Grad-Ziel zur Massgabe grüner Politik zu machen, also das Ziel, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen im Vergleich zur vorindustriellen Zeit. Das sei aber ohne soziale und wirtschaftliche Verwerfungen praktisch nicht mehr zu schaffen, erklärte Anders Levermann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung den Delegierten. Im Kompromiss heisst es nun, es sei notwendig, auf den 1,5 Grad-Pfad zu kommen.

Die führende Fridays-for-Future-Aktivistin Luisa Neubauer, selbst Grünen-Mitglied, zeigte sich zufrieden: Die Grünen haben auf Druck von breiten gesellschaftlichen Bündnissen heute einen wichtigen Schritt gemacht, schrieb sie auf Twitter. Unabhängig davon nahm die Aktivistin Leonie Bremer die Partei in ihrem Redebeitrag ins Gebet: Ihr profiliert Euch am meisten über Klimaschutz, also müsst ihr beweisen, dass ihr Politik und Kompromisse auf dem 1,5-Grad-Ziel aufbauen könnt - und dass ihr das vor allem auch wollt.

Habeck mahnte wie am Vortag schon Baerbock, beim Wandel müssten alle mitgenommen werden. Viele Menschen fänden sich nicht mehr zurecht in der beschleunigten Wirklichkeit, sagte er. Und je fragiler das Leben, je verletzter und verletzlicher es ist, desto stärker werden Veränderungen als Bedrohung empfunden. Veränderungen bedeute auch Verlust oder die Angst vor Verlust - konkret nannte er etwa die Autobauerin, die fürchtet, in ein paar Jahren auf der Strasse zu stehen, und den Kohlearbeiter, dessen Tagebau schliesst.

Die Grünen haben sich das erklärte Ziel gesteckt, die Union als führende Kraft abzulösen. In Umfragen stehen sie derzeit bei etwa 18 bis 20 Prozent und damit deutlich hinter CDU und CSU, die gemeinsam auf 35 bis 37 Prozent kommen.

Beim digitalen Bundesparteitag geht es weder um die Frage der Kanzlerkandidatur noch das Wahlprogramm, sondern um das vierte Grundsatzprogramm der Grünen in ihrer 40-jährigen Parteigeschichte. Eigentlich sollte der Parteitag in Karlsruhe stattfinden, wo die Grünen 1980 gegründet worden waren. Wegen der Corona-Pandemie wurde fast alles ins Netz verlegt. In der Berliner Sendezentrale lasen Habeck und Baerbock ihre Reden vom Teleprompter in die Kamera - typische Parteitagsstimmung kam dabei nicht auf.

(sda)


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