Imam-Vorfall in Kriens wirft Licht auf strukturelle Probleme


Roman Spirig
Regional / 16.10.19 17:40

Der Moscheeverein in Kriens trennt sich von seinem Imam, der Gewalt gegen Frauen gepredigt haben soll. Die Dachorganisation islamische Gemeinde Luzern (IGL) reagiert mit Empfehlungen auf den Vorfall und sieht durch ihn gleichzeitig ein strukturelles Problem bestätigt.

Imam-Vorfall in Kriens wirft Licht auf strukturelle Probleme (Foto: KEYSTONE / ALEXANDRA WEY)
Imam-Vorfall in Kriens wirft Licht auf strukturelle Probleme (Foto: KEYSTONE / ALEXANDRA WEY)

  • Podcast: Ein Imam von der Krienser Moschee "Dar Assalam" soll zur Gewalt gegen Frauen aufgerufen haben. Deswegen ist er nun freigestellt worden. Der Fall zeigt: Es gibt strukturelle Probleme bei der Dachorganisation islamische Gemeinde Luzern. Manuel Fasol mit den Hintergründen.

Dar Assalam oder Haus des Friedens heisst es beim Eingang zu den Gebetsräumlichkeiten, die im Obergeschoss eines Industriegebäudes in der Gemeinde Kriens untergebracht sind. Hier soll im August ein 38-jähriger Imam aus dem Irak anlässlich eines Freitagsgebets den Gläubigen geraten haben, ihre Ehefrauen mit leichten Schlägen zu disziplinieren.

Am Mittwoch lud die IGL zur Medienorientierung in jene mit Teppich ausgelegten Räumlichkeiten, die rund 160 Personen fassen. Zum Freitagsgebet treffen sich hier jeweils Gläubige aus dem arabischen Raum, von Marokko über Algerien und Tunesien bis Libyen, Syrien, Ägypten oder Jemen.

IGL-Präsident Petrit Alimi sagte, er habe aus den Medien von dem Vorwürfen erfahren, von den Anwesenden war bei der Predigt niemand dabei. Man habe sich mit dem Imam unterhalten, er bestreite den Aufruf zur Gewalt. Es sei nun an der Staatsanwaltschaft, zu ermitteln.

Die IGL lehne jede Art von Gewalt ab. Es sei nicht Sinn einer Predigt, Gewalt und Ängste zu schüren, sagte Alimi und zitierte die Worte des Propheten, wonach der beste unter den Männern jener sei, der sich am besten gegenüber seiner Frau benehme.

Es könne vorkommen, dass Imame aus anderen Kulturkreisen eine andere Interpretation verfolgten. Und hier liege ein strukturelles Problem vor. Weil nämlich in der Schweiz ein Ausbildungsangebot für Imame fehle, seien die Gemeinden auf den "Import" angewiesen. Gleichzeitig fehlten den Gemeinden oft die finanziellen Mittel zur Entlöhnung. Diese stammten von den Mitgliedern und müssten bereits Kosten für Infrastruktur decken. Grundsätzlich herrsche ein Imam-Mangel.

Eine grosse Herausforderung sei zudem der innerislamische Dialog. Von den 20'000 Muslimen im Kanton Luzern sind rund 10 Prozent aktive Gläubige. Die grössten Gemeinden sind die bosnischen, türkischen und albanischen.

Die IGL empfehle, künftig alle Predigten aufzuzeichnen und die Aufnahmen ein Jahr lang aufzubewahren. Zudem sollen die Gemeinden Personen einführen, die ständig bei Predigten dabei seien und einschreiten könnten. Der Moscheeverein Dar Assalam wolle diese Empfehlungen umsetzen.

Der Vorstand des betroffenen Vereins fehlte aus beruflichen Gründen an der Medienkonferenz. In einer schriftlichen Stellungnahme hielt er fest, er habe sich nach einer ausserordentlichen Sitzung beschlossen, den Imam freizustellen, nachdem dieser von der Polizei festgenommen und verhört worden war. Seine Stelle wird ausgeschrieben.

In der Moschee dürfe kein Hass, keine Hetze und keine Gewalt verbreitet werden. Es würden keine radikalen Prediger noch radikale Reden akzeptiert. Der Verein respektiere die Verfassungen der Schweiz und des Kantons Luzern. Er betonte aber auch, dass für den Imam noch immer die Unschuldsvermutung gelte.

Der Vorbeter war in der Vergangenheit in Zusammenhang mit Terroristen gebracht und freigesprochen worden. Davon hätte der Vereinsvorstand Kenntnis gehabt und sich mit Mitgliedern und Behörden abgesprochen. Wie lange der Imam bereits in Kriens tätig war, konnte keiner der Anwesenden genau sagen.

Muhamed Sabanovic, der als Projektleiter die Entwicklung des IGL begleitet, gab zu bedenken, dass die Gläubigen denkende Menschen seien und den Worte einer Predigt nicht blindlings folgen würden.

IGL-Präsident Alimi verwies zudem auf die Vereinsstrukturen, die auf Freiwilligenarbeit basierten. Man befinde sich in einem Prozess der Professionalisierung und benötige dafür Unterstützung der Behörden. Die IGL wolle sich von der Dachorganisation der Vereine zum Mitgliederverein entwickeln und so das Sprachrohr sämtlicher Muslime werden.

Seit 2005 ist die IGL im Auftrag der Vereine Ansprech- und Dialogpartner der Luzerner Muslime für Behörden, Kirchen und der Öffentlichkeit.

(sda)

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