Lang spricht der Schweiger


Roman Spirig
Sport / 12.02.19 18:55

Ingemar Stenmark hat für seine Verhältnisse lange gesprochen. Während 30 Minuten hat der einstige Schweiger im Rahmen der Weltmeisterschaften in Are geduldig Fragen beantwortet.

Lang spricht der Schweiger  (Foto: KEYSTONE / JEAN-CHRISTOPHE BOTT)
Lang spricht der Schweiger (Foto: KEYSTONE / JEAN-CHRISTOPHE BOTT)

Es ist Dienstagmittag. Vier Stunden dauert es noch bis zum Beginn des Team-Wettkampfs an den Weltmeisterschaften in Are. Im Medienzentrum ist es mit der Ruhe trotzdem vorbei. Logisch, denn Ingemar Stenmark macht seine Aufwartung. Der Grösste seiner Zeit, einer der Grössten des Skirennsports überhaupt.

Da steht er also, dieser Schwede. Es kommen besondere Gefühle auf, ihm gegenüberzustehen, mit ihm zu reden, ihm Fragen zu stellen. Auch 30 Jahre nach seinem Rücktritt umgibt ihn eine besondere Aura. Das Geheimnisvolle ist ihm geblieben, der während seiner aktiven Karriere über sich selber praktisch nichts preisgegeben und auch sonst mehr geschwiegen als gesprochen hat. Und hat er gesprochen, dann hat er sich vornehmlich aufs Einsilbige beschränkt.

30 Minuten redet Stenmark an diesem Mittag. Er nimmt sich Zeit, gibt auf jede noch so erdenkliche Frage geduldig und unaufgeregt Auskunft, zuerst seinen Landsleuten auf Schwedisch, dann auf Englisch. 30 Minuten umringt von Kameras und Mikrofonen - ein damals undenkbares Szenario. Und heute? "Es geht schon", sagt er, "aber es muss nicht jeden Tag sein."

Natürlich kommen wieder die Fragen nach seinem Rekord von 86 Weltcup-Siegen. Und zu Lindsey Vonn, die wegen ihren Verletzungen kapituliert und ihrer Jagd nach der Bestmarke mit ihrem Rücktritt am Sonntag nach der Abfahrt ein Ende gesetzt hat. Trotzdem glaubt Stenmark, dass sein Rekord nicht mehr lange Bestand haben wird. "Marcel Hirscher und Mikaela Shiffrin werden mich überflügeln." Der Amerikanerin sagt er bis zum Ende ihrer Karriere mehr als 100 Weltcup-Siege voraus.

Ihn selber kümmert dieser Rekord wenig. "Weil sich die Zeiten nicht miteinander vergleichen lassen." Trotzdem geniesst er die Aufmerksamkeit - am liebsten selbstredend im Stillen, fern jeder Kamera und jedes Mikrofons. "Schön, dass mein Name überall in den Zeitungen steht. Sogar in einem Blatt in Los Angeles habe ich über mich gelesen."

Und dann sind da auch die banalen Fragen nach seinem Leben heute, seinen Hobbys, seinen sportlichen Aktivitäten. Fragen an den Privatmann Ingemar Stenmark, das fast unbekannte Wesen. Er sei primär Familienvater. Nein, auf den Ski stehe er nicht mehr so oft. Sein Rücken lasse dies nicht mehr zu. Er sei heute mehr mit den Langlaufski unterwegs. Ja, den Skisport verfolge er nach wie vor, obwohl er sich im Fernsehen nicht mehr alle Rennen anschaue. Er schaue aber auch gern Leichtathletik, vor allem der Stabhochsprung interessiere ihn.

Beeindruckt ist Stenmark vor allem, wie könnte es anders sein, von Marcel Hirscher. Wie eine Maschine fahre er, sagt Stenmark über den Salzburger. Da sieht er wohl Parallelen zu sich selber. Aber auch der junge Franzose Clément Noël hat es ihm angetan. Dessen Technik und Art, wie er sich und seinen Fahrstil den Bedingungen anzupassen vermöge, sei grossartig. In der Abfahrt imponiert ihm vor allem Dominik Paris. Und, selbstverständlich fand auch er es schade, dass die Abfahrten am Wochenende nicht auf der Originalstrecke ausgetragen werden konnten.

"Aber", ergänzt Stenmark, "ich bin wohl der Falsche, um über die Abfahrt zu reden." Gelächter in der Journalisten-Traube um den einstigen Supertechniker herum, der um die Speed-Rennen so oft wie möglich einen weiten Bogen gemacht hat. Da sind schnell Erinnerungen da - an die Abfahrt auf der Streif in Kitzbühel im Jahr 1981 etwa, die er nur bestritten hat, um in der Kombinations-Wertung zu punkten. Nach einer auf äusserste Sicherheit bedachten Fahrt hatte Stenmark das Ziel mit gut zehn Sekunden Rückstand auf den Sieger Steve Podborski erreicht.

Nicht äussern wollte sich Stenmark zur Kandidatur von Stockholm für die Austragung der Olympischen Winterspiele 2026. "Das kommentiere ich nicht." Für einen Moment war der wortkarge, in sich gekehrte Ingemar Stenmark zurück. Es schien, als habe jemand an der Zeit gedreht.

(sda)


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