Lehrkräfte sehen die Bildungsqualität gefährdet


News Redaktion
Schweiz / 08.08.22 12:47

Die Lehrerinnen und Lehrer schlagen zum Schulbeginn Alarm: Wegen des Personalmangels betreuen die Schulen in der Schweiz die Kinder zunehmend statt sie auszubilden. Nicht qualifizierten Lehrpersonen bringen eher eine Mehrbelastung als eine Entlastung.

Bildungsqualität gefährdet: LCH-Zentralpräsidentin Dagmar Rösler und SER-Präsident David Rey vor den Medien in Bern. (FOTO: KEYSTONE/PETER KLAUNZER)
Bildungsqualität gefährdet: LCH-Zentralpräsidentin Dagmar Rösler und SER-Präsident David Rey vor den Medien in Bern. (FOTO: KEYSTONE/PETER KLAUNZER)

Bund und Kantons müssten tätig werden - auch finanziell. Zum Schuljahresbeginn seien noch mehrere hundert Stellen unbesetzt, hielten der Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH) und das Syndicat des Enseignant-es Romande-es (SER) am Montag vor den Medien in Bern fest.

LCH-Zentralpräsidentin Dagmar Rösler erklärte, sie mache sich auch als Mutter wegen des Personalmangels und der einspringenden nicht qualifizierten Aushilfs-Lehrkräfte Sorgen um die Bildungsqualität. "Oft geht es mehr um Betreuung als um Bildung", sagte sie. Für den Unterricht reiche es nicht, Kinder gern zu haben.

Zur Arbeit in der Schule bedürfe es qualifizierter Fachleute. Jedes Kind habe das Recht auf Bildung. Zudem müsse Chancengleichheit herrschen. Gerade benachteiligten Schülerinnen und Schülern könne dies aber mit nicht oder ungenügend qualifiziertem Personal nicht garantiert werden.

An die Kantone als Inhaber der Bildungshoheit richtete Rösler den Vorwurf, der demografischen Entwicklung untätig zugesehen zu haben: Viele Lehrkräfte der geburtenstarken Jahrgänge kommen ins Pensionsalter, die Schülerzahlen steigen - das sei absehbar gewesen.

Statt das Problem des Lehrernachwuchses an die Hand zu nehmen, hätten die Kantone den Schulen immer mehr Aufgaben übertragen. Nun brauche es eine langfristig Planung. "Verzweiflungstaten" wie die aktuellen müssten befristet sein.

SER-Präsident David Rey erklärte, nicht oder ungenügend qualifiziertes Personal erfordere seitens der erfahrenen Lehrkräfte einen erhöhten Betreuungsaufwand. So entpuppe sich die vermeintliche Entlastung in vielen Fällen als Mehrbelastung einer bereits überlasteten Lehrkraft.

Es gehe nicht an, dass sich unerfahrene Lehrerinnen und Lehrer die Flügel verbrennen und vor der Klasse scheitern. Ziel müsse es sein, qualifizierte Lehrkräfte in der Schule zu behalten. Dazu gehörten zeitgemässe Anstellungsbedingungen, Unterstützung von Anfängerinnen und Anfängern und eine Steigerung des Prestiges des Lehrerberufs.

Rösler versicherte, die Lehrerschaft tue alles, um die Lücken zu füllen. Unterdessen seien diese aber allzu gross geworden. Nicht leichter werde die Situation nach der kaum überstandenen Covid-19-Pandemie durch die Kinder und Jugendlichen aus der Ukraine.

Die Lehrerinnen und Lehrer seien mit der Integrationsproblematik vertraut und verfügten über entsprechende Mittel wie Landessprachen-Unterricht am Vormittag und Teilnahme an der Regelklasse am Nachmittag.

Die Schule könne Integration und Betreuung aber nicht alleine stemmen. Bund und Kantone müssten zusätzliche Gelder für die Gemeinden zur Verfügung stellen. Zudem seien gerade wegen der von den ukrainischen Kindern und Jugendlichen erlittenen Traumata zusätzliche Ressourcen für Schulpsychologie und -sozialarbeit nötig.

Aus der Pandemie ziehen die beiden Lehrerverbände den Schluss, dass der Föderalismus bei der Erarbeitung einheitlicher Massnahmen an die Grenzen kam. Sie schliessen sich darum den Forderungen nach einem nationalen Stab für künftige Krisen an.

Dieser soll sich aus Experten von Bund und Kantonen zusammensetzen. Als systemrelevante Branche müsste in dem Gremium auch die Lehrerschaft mitreden können.

Schule findet nicht nur im Klassenzimmer statt, halten LCH und SER weiter fest. Ausserschulische Lernorte sind für einen erfahrungs- und lebensorientierten Unterricht zentral. Um die Teilnahme an Exkursionen und Lagern sicherzustellen, halten die Verbände vergünstigte Tageskarten für unerlässlich. Ein Etappenziel ist demnach erreicht: Swisspass bietet für Schulreisen eine Tageskarte für 15 Franken pro Kopf an.

(sda)


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