Obergericht Aargau fällt noch kein Urteil für tödliches Schütteln des Kindes


Roman Spirig
Regional / 04.07.19 15:38

Das Aargauer Obergericht hat am Donnerstag noch kein Urteil gefällt über einen 42-jährigen, der im Oktober 2014 den kleinen Sohn seiner Freundin zu Tode geschüttelt hat. Zuvor soll er das Kind monatelang misshandelt haben. Das Schütteln hat er gestanden, die Misshandlungsvorwürfe weist er zurück.

Obergericht Aargau fällt noch kein Urteil für tödliches Schütteln des Kindes
Obergericht Aargau fällt noch kein Urteil für tödliches Schütteln des Kindes

Das Urteil soll in den nächsten Tagen schriftlich eröffnet werden, sagte der Gerichtsvorsitzende. Im September 2017 hatte das Bezirksgericht Baden den Schweizer wegen vorsätzlicher Tötung und mehrfacher Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe von 13 Jahren verurteilt.

Es nahm keinen direkten Tötungsvorsatz an. Der Mann habe jedoch um die riskanten Folgen des heftigen Schüttelns des 26 Monate alten Knaben gewusst und sie in Kauf genommen.

Die Mutter des Kindes, welche die Augen vor den Misshandlungen verschlossen hatte, und die teils abstrusen Erklärungen dafür schluckte, verurteilte es wegen fahrlässiger Körperverletzung durch Unterlassung zu acht Monaten Freiheitsentzug. Sie akzeptierte das Urteil, der Mann zog es weiter.

Vor dem Obergericht verlangte sein Verteidiger Freisprüche von den Punkten vorsätzliche Tötung und mehrfache Körperverletzung. Sein Klient stehe zu dem fatalen Schütteln - er habe allerdings aus Fahrlässigkeit gehandelt.

Von einem In-Kauf-Nehmen der tödlichen Verletzungen und damit einem Eventualvorsatz könne keine Rede sein. Es sei nicht erwiesen, dass der Beschuldigte um die Gefährlichkeit seines Handelns gewusst habe. Und die Körperverletzungen dürften ihm schon gar nicht angelastet werden.

Es gebe keinerlei Beweise für seine Schuld. Es sei nicht ausgeschlossen, dass auch andere Ursachen zu den Verletzungen hätten führen können, etwa Stürze des bekanntermassen sehr lebhaften Kindes. Eine bedingte Freiheitsstrafe von maximal 24 Monaten sei angemessen.

Die Staatsanwältin forderte eine Bestätigung des erstinstanzlichen Urteils. Man könne sehr wohl von vorsätzlicher Tötung sprechen. In der erst ein halbes Jahr dauernden Beziehung des Beschuldigten zur Mutter des Kindes sei dieses für den Beschuldigten "ein Störfaktor" gewesen. Zudem sei es der Grund gewesen für die Trennungsabsichten der Frau. Dies sei letztlich der Auslöser der Tat gewesen.

Am Vormittag war der Beschuldigte befragt worden. Wie vor der ersten Instanz übernahm er die Verantwortung für das Schütteln. Kategorisch bestritt er dagegen, mit den Misshandlungen irgend etwas zu tun zu haben. Die drei Richter versuchten erfolglos, ihn zu einem Geständnis zu bewegen.

"Sie können das nicht verdrängen", sagte einer. "Sie müssen zu sich selber stehen". Alle Indizien wiesen auf ihn als Verursacher von Verletzungen wie etwa Stauchungsbrüche von Wirbeln, Würgemale, eine Hirnerschütterung, Hämatome im Genitalbereich oder eine verbrannte Hand. Der Beschuldigte blieb dabei, dass er diesbezüglich unschuldig sei.

Die Verletzungen hatten begonnen, als er im Frühling 2014 als neuer Partner ins Leben der jungen Mutter trat und nach einer Weile immer häufiger den Kleinen betreute, während sie arbeitete. Aber so, wie im Laufe der Monate das Paar immer häufiger stritt, häuften sich die Verletzungen des Kindes und deren Schwere nahm zu.

Tragischer Höhepunkt war das tödliche Schütteln am 12. Oktober 2014, einem Sonntag. Die Frau war nur kurz aus der Wohnung gegangen, um den Müll wegzubringen. Der Mann war ein paar Minuten allein mit dem Kind. Als dieses angefangen habe zu weinen, habe er versucht, es zu beruhigen, erzählte er. "Es gelang mir nicht".

Der Bub habe immer lauter geschrien und gezappelt. Da habe er ihn "aus einem Gefühl der Überforderung und im Affekt" ein paar Sekunden lang geschüttelt. Das Kind erlitt dabei schwerste Hirnverletzungen, denen es tags darauf im Spital erlag.

In seinem Schlusswort beteuerte der Beschuldigte mit tränenerstickter Stimme, wie leid ihm alles tue. "Ich wollte nicht, dass er stirbt". Gern würde er das Grab des Kleinen einmal besuchen. "Ich würde mein Leben geben, wenn ich es rückgängig machen könnte."

(sda)


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