Pariser Flüchtlingslager mit bis zu 1600 Menschen geräumt


Roman Spirig
International / 07.11.19 14:30

Die Pariser Polizei hat zwei riesige Zeltlager mit Flüchtlingen und anderen Migranten nördlich der Hauptstadt geräumt. Rund 1600 Menschen haben die Einsatzkräfte heute am frühen Morgen aus ihren Zelten geholt, wie Innenminister Christophe Castaner erklärte.

Pariser Flüchtlingslager mit bis zu 1600 Menschen geräumt (Foto: KEYSTONE / EPA / JULIEN DE ROSA)
Pariser Flüchtlingslager mit bis zu 1600 Menschen geräumt (Foto: KEYSTONE / EPA / JULIEN DE ROSA)

Die Räumung kommt einen Tag, nachdem die französische Regierung ihren Ton in der Migrationspolitik verschärft und eine Reihe von Massnahmen gegen den Missbrauch des Asylrechts angekündigt hat. Kritiker sehen in der Räumung reine Symbolpolitik; die eigentlichen Probleme würden nicht gelöst.

Vielen dürfte der "Dschungel von Calais" noch ein Begriff sein - dort hausten vor der Räumung im Jahr 2016 bis zu 8000 Migranten und Flüchtlinge unter unwürdigen Bedingungen. Doch auch in anderen Orten Frankreichs gibt es solche Elendslager, denn es fehlt an Unterkünften. Auch an verschiedenen Orten in Paris entstanden in den vergangenen Jahren illegale Zeltstädte. Tausende lebten unter menschenunwürdigen Bedingungen besonders im Nordosten der Hauptstadt und im Vorort Saint-Denis.

Die Polizei begann noch vor dem Morgengrauen und bei Regen mit der Räumung zweier riesiger Lager - eines war in Saint-Denis, ein weiteres nicht weit entfernt an der Stadteinfahrt Porte de la Chapelle. Mehr als 600 Polizisten waren im Einsatz; die Lage blieb ruhig. Die Menschen stellten sich mit ihrem wenigen Hab und Gut vor Bussen an, die im Minutentakt vorfuhren.

Von den Zeltlagern war schnell nicht mehr viel übrig, auf dem Boden lagen Matratzen und Plastikbeutel. Für die grossangelegte Aktion wurde sogar ein Teil des Pariser Autobahnrings Périphérique gesperrt.

Die Busse brachten die Migranten - mehrheitlich Männer - in provisorische Unterkünfte in Turnhallen in der Gegend. Wie es dort für sie weitergeht, ist offen. Die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo betonte, dass die Menschen nicht in Gefängnisse gebracht würden. Die Unterbringung in den Unterkünften sei freiwillig, so die Stadt.

Innenminister Castaner feierte die Räumung als Erfolg. Er hatte erst am Mittwoch angekündigt, die Zeltlager in und um Paris bis Ende des Jahres räumen zu lassen. Mit der aktuellen Räumung wurde etwa die Hälfte der Lager aufgelöst.

Der Chef der Flüchtlingshilfsorganisation France Terre d'Asile, Pierre Henry, geht nicht davon aus, dass die Räumung einen nachhaltigen Effekt haben wird. Solange es nicht genügend Unterkünfte und ein vernünftiges Aufnahmesystem für die Migranten gebe, würden sich immer wieder neue Lager bilden.

Frankreich hatte am Mittwoch eine Reihe von Massnahmen in der Einwanderungspolitik angekündigt und betont, dass es dort ein "Gleichgewicht zwischen Rechten und Pflichten" geben müsse. Der Staat will zum Beispiel künftig härter gegen den Missbrauch von Sozialleistungen vorgehen.

Kritiker werfen Frankreichs Präsidenten Emmanuel Macron vor, sich für die Präsidentenwahl 2022 in Stellung bringen zu wollen. Dann könnte es wieder auf ein Duell mit der Rechtspopulistin Marine Le Pen hinauslaufen.

(sda)


Anzeige

Das könnte Sie auch interessieren

Wiener Staatsoper spielt nach Corona-Pause wieder auf
International

Wiener Staatsoper spielt nach Corona-Pause wieder auf

Die Wiener Staatsoper plant noch in diesem Monat erste Konzerte nach der verordneten Pause aufgrund der Corona-Pandemie. Nach mehreren Wochen Stillstand stehen nun bis Ende Juni 14 Konzerte für jeweils maximal 100 Besucher am Programm, wie das Opernhaus am Mittwoch mitteilte.

Casinos in Las Vegas öffnen wieder ihre Tore
Wirtschaft

Casinos in Las Vegas öffnen wieder ihre Tore

Der Rubel rollt wieder: Nach fast dreimonatiger Schliessung wegen der Coronakrise haben im Spielerparadies Las Vegas die Casinos wieder geöffnet.

Deutscher Industrie brechen Aufträge weg - Minus von 25,8 Prozent
Wirtschaft

Deutscher Industrie brechen Aufträge weg - Minus von 25,8 Prozent

Der deutschen Industrie ist das Neugeschäft wegen der Corona-Krise in Rekordtempo weggebrochen. Sie sammelte im April 25,8 Prozent weniger Aufträge ein als im Vormonat, wie das Bundeswirtschaftsministerium am Freitag mitteilte.

Swiss fährt ihren Flugplan bis Herbst weiter hoch
Wirtschaft

Swiss fährt ihren Flugplan bis Herbst weiter hoch

Die Fluggesellschaft Swiss baut ihren durch die Coronakrise geschrumpften Flugplan wieder weiter aus. Bis im Herbst sollen wieder fast alle Destinationen angeflogen werden, wie die Swiss am Donnerstag mitteilte.