Rasse, Klasse und ein überraschender Sieger


Roman Spirig
Regional / 07.07.18 09:22

Was für ein Spiel, was für ein Spektakel! Brasilien und Belgien boten sich im Viertelfinal in Kasan einen begeisternden Schlagabtausch, den die "Roten Teufel" mit 2:1 für sich entschieden. Im Halbfinal trifft Belgien am Dienstag in St. Petersburg auf Frankreich.

Rasse, Klasse und ein überraschender Sieger  (Foto: KEYSTONE / AP / Thanassis Stavrakis)
Rasse, Klasse und ein überraschender Sieger (Foto: KEYSTONE / AP / Thanassis Stavrakis)

Noch einmal hatte Brasilien alles versucht. Fernandinho grätschte, Philippe Coutinho passte, Douglas Costa dribbelte, Neymar stürmte, Roberto Firmino und Renato Augusto schossen, der Ausgleich wollte aber nicht mehr fallen. Um kurz vor 23 Uhr platzte der Traum der Seleção vom sechsten WM-Titel, dem ersten seit 2002. Der letzte Schuss hatte Neymar gehört, diesem wunderbaren Fussballer, der aber auch an diesem Abend die Theatralik gelegentlich übertrieb. Belgiens überragender Keeper Thibaut Courtois lenkte den Versuch von Brasiliens Nummer 10 kurz vor Ende der fünfminütigen Nachspielzeit mit den Fingerspitzen über die Latte.

Dank Courtois baute Belgien seine Serie der Ungeschlagenheit auf 24 Spiele aus und zog zum zweiten Mal nach 1986 wieder in einen WM-Halbfinal ein. Für Brasilien, das erstmals seit mehr als zwei Jahren wieder zwei Gegentreffer kassierte und zum siebten Mal in Serie in einem WM-Viertelfinal stand, endete das Turnier trotz guter Leistungen mit einer Enttäuschung. Der Weltmeister 2018 wird somit aus Europa kommen, nachdem auch die beiden letzten Vertreter aus Südamerika ausgeschieden sind. Erst einmal, 1958 in Schweden, schaffte es mit Brasilien ein nicht europäisches Team, auf dem alten Kontinent den Titel zu gewinnen.

Brasilien Hoffnung auf eine allfällige Wende war eine Viertelstunde vor Schluss noch einmal zurückgekehrt. Renato Augusto hatte nach einem Traumpass von Philippe Coutinho den Anschlusstreffer geschafft. Endlich war der belgische Abwehrriegel durchbrochen, endlich Courtois geschlagen. Der Keeper von Chelsea hatte die brasilianische Offensive mit glänzenden Interventionen immer wieder gestoppt. 26 Abschlussversuche zählten die Statistiker am Ende für Brasilien, neun dieser Versuche fanden den Weg auf das Tor.

Vor Brasiliens leidenschaftlicher Schlussoffensive, in der sich Belgien mit letzten Kräften wehrte, hatte der Aussenseiter mindestens gleich viel zu dem Spektakel beigetragen. Und einer überragte dabei alle: Kevin de Bruyne. Der 27-jährige Mittelfeldspieler von Manchester City überforderte in seinem 66. Länderspiel mit Tempo und Dynamik die brasilianische Defensive immer und immer wieder. Sein herrlicher Diagonalschuss in die weite Torecke zum 2:0 in der 31. Minute erwies sich letztlich als entscheidend.

Belgiens Trainer Roberto Martinez hatte De Bruyne als falsche Neun nominiert, nachdem dieser in den ersten vier Partien in einer defensiveren Rolle im zentralen Mittelfeld neben Axel Witsel agiert hatte. De Bruynes Einfluss auf Belgiens Offensivspiel nahm massiv zu. Dieser war bis zu seinem Rush in der Nachspielzeit vor dem Siegtreffer zum 3:2 im Achtelfinal gegen Japan überschaubar gewesen. In der offensiveren Rolle drückte De Bruyne dem belgischen Spiel den Stempel auf, wobei ihm und dem belgischen Konterspiel das frühe 1:0 entgegen kam.

Das elfte Eigentor dieser WM in der 13. Minute - Fernandinho lenkte einen Corner mit dem Rücken ab - war entgegen dem Spielverlauf gefallen. Brasilien hatte sich die ersten Vorteile der Partie erspielt. Nach einem Corner in der 8. Minute sprang der Ball von Thiago Silvas Oberschenkel an den Pfosten, zwei Minuten später traf Paulinho freistehend aus neun Metern den Ball nicht richtig.

Neben dem Schachzug mit De Bruyne zahlte sich bei Belgien auch die Hereinnahme von Marouane Fellaini und Nacer Chadli aus. Martinez schenkte den beiden Reservisten, die gegen Japan mit ihren Toren für die Wende gesorgt hatten, von Beginn an das Vertrauen und setzte in der Defensive auf eine Viererkette. Auf brasilianischer Seite wurde der gesperrte Casemiro schmerzlich vermisst. Fernandinho konnte diesen im defensiven Mittelfeld nicht gleichwertig ersetzen. Lange Zeit fehlte Brasilien die Balance zwischen Offensive und Defensive, was Belgien resolut ausnutzte.

(sda)


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