Schweizer wollen laut Studie weniger Fortschritt


Roman Spirig
Schweiz / 14.01.20 14:54

Die Schweiz hat einer Studie zufolge die fortschrittskritischste Bevölkerung einer Reihe von Ländern. Besonders in der Politik wollen Schweizerinnen und Schweizer den Fortschritt bremsen. In den Schwellenländern hingegen wollen die Leute Fortschritt.

Schweizer wollen laut Studie weniger Fortschritt (Foto: KEYSTONE / ENNIO LEANZA)
Schweizer wollen laut Studie weniger Fortschritt (Foto: KEYSTONE / ENNIO LEANZA)

Ein Vergleich zwischen verschiedenen Ländern im aktuellen Credit Suisse-Fortschrittsbarometer zeigt, dass sich Schweizer einen Rückgang oder zumindest eine Verlangsamung des Fortschritts wünschen. In der am Dienstag veröffentlichten Studie, die zusammen mit dem Forschungsinstitut GFS Bern herausgegeben wurde, werden 16 Länder aus allen Kontinenten in verschiedenen Kategorien in Bezug auf ihre Fortschrittlichkeit verglichen.

Pro Land gaben je 1000 Befragte unter anderem Auskunft darüber, ob sie sich für ihr Land weiteren Fortschritt wünschen. Auf einer Skala von -100 (Fortschritt sollte gebremst werden) bis +100 (Fortschritt sollte beschleunigt werden) erreicht die Schweiz einen Wert von -4. Damit sind die Schweizer insgesamt hinter den US-Amerikanern (+1) und den Australiern (+2) am wenigsten fortschrittlich eingestellt.

Dass die Schweizer sich einen Rückgang des Fortschritts wünschen, kann laut Studienleiterin Cloé Jans auf den hohen Lebensstandard hierzulande zurückgeführt werden. Denn je höher der Wohlstand gemessen am BIP pro Person in einem Land sei, desto weniger fortschrittsbereit seien in der Tendenz dessen Bürger.

Am meisten Fortschritt wünschen sich hingegen die Befragten aus aufstrebenden Ländern wie Brasilien (+33), China (+31), Indien und Südafrika (beide +19). Tendenziell aufgeschlossen gegenüber dem Fortschritt sind auch alle weiteren asiatischen Länder.

Während die Schweizerinnen und Schweizer das wirtschaftliche Wachstum bremsen möchten, sprechen sie sich dafür klar für mehr Nachhaltigkeit in der Wirtschaft aus (91 Prozent). Das Bedürfnis nach Nachhaltigkeit hat auch global gesehen Priorität: In mehr als drei Viertel der untersuchten Länder und über alle Kulturkreise und Kontinente hinweg wünschen sich die Bürger mehr Nachhaltigkeit.

Gleichzeitig beurteilen 84 Prozent der in der Schweiz Befragten den Status Quo der Wirtschaft hierzulande als sehr fortschrittlich. In den Bereichen Politik und Gesellschaft empfinden etwas mehr als die Hälfte aller Befragten die Schweiz als fortschrittlich.

Die in westlichen Ländern dominierende Idee der Nachkriegsjahre, dass es der nächsten Generation einst besser gehen wird als der vorangehenden, gilt laut der Studie heute nicht mehr. Besonders verbreitet ist die Zukunftsangst auch in der Schweiz, wo 77 Prozent der Befragten diese Angst teilen. Damit haben nur die Menschen in Südafrika häufiger Angst vor der Zukunft (80 Prozent). Nur in vier untersuchten Ländern waren mehr als die Hälfte der Befragten der Überzeugung, die Zukunft werde für ihre Kinder besser.

Während die Schweizerinnen und Schweizer, die für den Fortschritts-Barometer befragt wurden, grösstenteils mit ihrem Leben zufrieden sind (64 Prozent), blickt der grösste Teil ängstlich in die Zukunft (56 Prozent). Weitere 37 Prozent haben gemischte Gefühle, was ihre eigene Zukunft anbetrifft.

Auch bei der Zukunft der Gesellschaft verzeichnet die Schweiz das negativste Bild aller untersuchten Länder. 38 Prozent der Befragten sehen die Zukunft der Schweizer Gesellschaft düster. Eindeutig zuversichtlich sind die Befragten jedoch auch sonst in keinem untersuchten Land.

Bei der Studie wurde auch gewichtet, bei welchen Themen der Wunsch nach Fortschritt am grössten ist. Die Top-Themen in der Schweiz sind der Ausbau des Untergrundtransports und damit verbunden auch der Schutz der bestehenden Landschaft. Zudem wünschen sich die Befragten mehr Gleichberechtigung der Geschlechter und möchten die Innovation und Forschung mit zusätzlichen Steuergeldern fördern.

Auch die Weiterentwicklung der Elektromobilität wird in der Schweiz als wichtige Aufgabe wahrgenommen und ist global gesehen über alle Länder hinweg sogar das wichtigste Fortschrittsthema. Besonders im asiatischen Raum geht laut dem Barometer eine Mehrheit der Befragten davon aus, dass im technologischen Fortschritt der Schlüssel für die Lösung der Probleme unserer Zeit liegt.

Besonders kritisch betrachten die Schweizerinnen und Schweizer das Wegsterben unabhängiger Medien. Aber auch die fortschreitende Verbauung der Landschaft, die zunehmende politische Polarisierung und die Auslagerung von Geschäftsbereichen ins Ausland möchten die Befragten bremsen.

Auch im weltweiten Vergleich ist die politische Polarisierung das Thema Nummer eins, bei dem man sich Rückgang wünscht, gefolgt von Fehlinformationen (Fake News) und der Auslagerung.

(sda)


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