SRG: RTS-Fernsehchef und Personal-Leiter verlassen Firma nach Belästigungs-Vorwürfen


Roman Spirig
Schweiz / 16.04.21 16:40

Nach der Untersuchung von Belästigungsvorwürfen beim Westschweizer Radio- und Fernsehen RTS verlassen der TV-Chefredaktor und der Leiter der Personalabteilung den Sender. SRG-Generaldirektor Gilles Marchand und RTS-Chef Pascal Crittin dürfen bleiben.

Der Verwaltungsrat sprach ihnen sein Vertrauen aus. Der damalige RTS-Direktor Marchand habe seine sekundäre Aufsichtsverantwortung zwar zu wenig wahrgenommen, teilte die Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG) am Freitag mit. Das stelle in der Einschätzung der Gutachterinnen und Gutachter aber keinen gravierenden Fehler dar.

Der Verwaltungsrat sei deshalb der Ansicht, dass Marchand die richtige Person für die SRG sei, um die geforderten Veränderungen in der Unternehmenskultur durchzusetzen. Dem aktuellen RTS-Direktor Crittin könne kein Fehlverhalten vorgeworfen werden. Es bestehe deshalb kein Handlungsbedarf.

Am 31. Oktober hatte die Westschweizer Zeitung Le Temps unter Berufung auf anonyme Quellen enthüllt, dass es innerhalb von RTS während Jahren zu Mobbing und zu sexueller Belästigung gekommen sei. Die Befragten berichteten in der Recherche von offener Belästigung, ungewollten Küssen, anzüglichen Kommentaren und systematischem Machtmissbrauch.

Angeschuldigt wurden drei Mitarbeiter, darunter Darius Rochebin, langjähriger Moderator der RTS-Tagesschau. Die Direktion und die Personalverantwortlichen von RTS hätten konsequent weg geschaut. Rochebin, der im Herbst zum französischen Nachrichtensender LCI wechselte, reichte unterdessen Verleumdungsklage gegen Le Temps ein.

Die von der SRG eingesetzten unabhängigen Sachverständigen kamen nun zum Schluss, dass sich Rochebin keiner sexuellen Belästigung oder Mobbing schuldig gemacht habe. In den beiden anderen Fällen hingegen hätten die Expertinnen und Experten Handlungen festgestellt, die als Belästigung qualifiziert worden seien. In beiden Fällen habe RTS Massnahmen ergriffen.

Medienministerin Simonetta Sommaruga reagierte empört auf die Ergebnisse der Untersuchung. Dass Mitarbeitende sexuell belästigt worden seien, sei inakzeptabel. Sie erwarte von der SRG, dass sie alles unternehme, um weitere Vorfälle zu vermeiden und Sexismus, Belästigung und Diskriminierung zu verhindern. Den Worten müssen Taten folgen, hiess es in einer Mitteilung. (sda)


SRG: RTS-Fernsehchef und Personal-Leiter verlassen Firma nach Belästigungs-Vorwürfen (Foto: KEYSTONE / MARTIAL TREZZINI)
SRG: RTS-Fernsehchef und Personal-Leiter verlassen Firma nach Belästigungs-Vorwürfen (Foto: KEYSTONE / MARTIAL TREZZINI)
Anzeige

Das könnte Sie auch interessieren

Kantonsrat hat nichts gegen formellen Regierungssitz in Luzern
Regional

Kantonsrat hat nichts gegen formellen Regierungssitz in Luzern

Der Luzerner Kantonsrat hat nichts dagegen, wenn der formelle Amtssitz des Regierungsrats in Luzern bleibt, auch wenn die Verwaltung dereinst in Emmenbrücke arbeiten wird. Er hat mit 71 zu 29 Stimmen ein Postulat von Jörg Meyer (SP) abgelehnt.

Wird die US-Hauptstadt Washington der 51. Bundesstaat?
International

Wird die US-Hauptstadt Washington der 51. Bundesstaat?

Sogar die Autokennzeichen sind in der US-Hauptstadt Washington ein Zeichen des Protests: "End Taxation without Representation" (in etwa: Schluss mit Besteuerung ohne Vertretung) stanzen die Behörden in Grossbuchstaben auf die Nummernschilder. Die gut 700 000 Hauptstadtbewohner müssen Steuern zahlen, sind aber nicht stimmberechtigt im Kongress vertreten. Das hat historische Gründe, die auch im Rassismus verwurzelt sind. Die Demokraten von US-Präsident Joe Biden wollen Washington nun zum 51. Bundesstaat der USA machen und den Bürgern dort volles Stimmrecht geben - allerdings nicht nur aus selbstlosen Motiven.

Vaduz zum zweiten Mal nicht abzuschreiben
Sport

Vaduz zum zweiten Mal nicht abzuschreiben

Der FC Vaduz stemmt sich von Neuem mit aller Kraft gegen den Abstieg. Nach einem 2:0-Sieg in Lugano haben die Liechtensteiner jetzt wieder viel bessere Aussichten, im Oberhaus zu bleiben.

Lukaschenko überträgt Machtbefugnisse im Todesfall auf Sicherheitsrat
International

Lukaschenko überträgt Machtbefugnisse im Todesfall auf Sicherheitsrat

Der belarussische Machthaber Alexander Lukaschenko hat für den Fall seines Todes die Übertragung der Machtbefugnisse auf den nationalen Sicherheitsrat angeordnet.