Umfrage: Viele Menschen sehen sich unterdurchschnittlich gefährdet


News Redaktion
Schweiz / 12.08.20 11:10

ETH-Forschende haben hunderte Personen aus der Deutschschweiz zu deren Verhalten in der aktuellen Coronazeit befragt. Erstaunlich wenig ältere Menschen hätten sich an die Empfehlungen des Bundes gehalten, wie eine Studienautorin im Interview mit der Hochschule sagt.

Die Einstellung zur Maskenpflicht im öffentlichen Verkehr ist laut Erhebungen der ETH Zürich sehr unterschiedlich. (FOTO: KEYSTONE/Ti-Press/Elia Bianchi)
Die Einstellung zur Maskenpflicht im öffentlichen Verkehr ist laut Erhebungen der ETH Zürich sehr unterschiedlich. (FOTO: KEYSTONE/Ti-Press/Elia Bianchi)

Selbst in der akuten Phase seien etwa 60 Prozent der älteren Menschen noch selber einkaufen gegangen, wie Angela Bearth, Verhaltenspsychologin am ETH-Lehrstuhl für Consumer Behavior, sagte. Das zeige, dass sich viele ältere Menschen bevormundet fühlten, wenn sie nicht mehr selber einkaufen gehen dürften.

Auch offenbaren die Befragungen, dass 20 Prozent der älteren Menschen ihre Enkelkinder selbst während des Lockdowns getroffen hätten. Unsere Daten zeigen, dass die Social-Distancing-Massnahmen eher schwierig umzusetzen waren, zum Beispiel weil soziale Kontakte für das menschliche Wohlbefinden immens wichtig sind und ältere Menschen vielleicht weniger Möglichkeiten hatten, diese mit digitalen Kommunikationsmitteln zu kompensieren, sagte Bearth im Interview. Die Hygienemassnahmen seien insgesamt aber gut eingehalten worden, wobei das Risikobewusstsein bei Menschen mit einer Vorerkrankung deutlich höher gewesen sei.

Insgesamt führten die Forschenden parallel zwei Erhebungen durch. Im Rahmen der ersten Erhebung haben sie rund 1500 Personen zwischen 18 und 69 Jahren insgesamt vier Mal zu ihrem Verhalten während der Coronakrise befragt, erstmals gleich zu Beginn des Lockdowns Mitte März, letztmals nach der Einführung der Maskenpflicht im öffentlichen Verkehr.

Die zweite, gleichzeitig durchgeführte Erhebung konzentrierte sich auf die Hauptrisikogruppe der über 59-Jährigen. Diese wurden von den ETH-Forschenden insgesamt drei Mal zu ihrem Verhalten befragt.

Beide Erhebungen zeigen, dass über 40 Prozent der Befragten denken, sie seien weniger gefährdet als der Durchschnitt. Eine Rolle hierfür könnte der sogenannte optimistische Bias sein, wie die Verhaltenspsychologin Bearth erklärte. Die Herausforderung läge künftig denn auch vor allem darin, das Risikobewusstsein in der Bevölkerung aufrechtzuerhalten.

In Bezug auf Masken zeigen die Daten, dass die 20- bis 34-jährigen eher einen Mund-Nasen-Schutz tragen als die 35- bis 49-jährigen. Bemerkenswert ist laut Bearth ebenfalls, dass Nicht-Maskenträger viel häufiger als Maskenträger denken, Masken seien nicht wirksam. Ausserdem fänden erstere eher, eine Maskenpflicht sei angesichts der tiefen Fallzahlen überflüssig. Weil im öffentlichen Verkehr die Pflicht nun gelte, tragen dort aber inzwischen viele Masken. Der Grund: Den meisten Menschen ist es unangenehm, wenn sie in der Menge auffallen.

Ein Grund für die unterschiedlichen Einstellungen zu Masken könnte die Kommunikation zu Beginn der Coronazeit gewesen sein: Wenn man am Anfang der Krise argumentiert, Masken seien aus Sicht der Wissenschaft unwirksam, dann bleibt das hängen, sagte Bearth.

Laut Bearth achteten sie und ihre Kollegen zwar auf eine repräsentative Verteilung der Geschlechter und Altersgruppen in den Umfragen. Allerdings seien die Gruppen tendenziell etwas besser gebildet als der Durchschnitt. Auch liessen sich die Resultate nicht unbedingt auf die Westschweiz und das Tessin übertragen, da dort die Erfahrungen anders waren als in der Deutschschweiz.

Deshalb bezeichnet Bearth die Erhebungen nicht unbedingt als repräsentativ, aber sie würden ein gutes Bild der Situation abgeben. Die Studie ist jedoch noch nicht von Fachkollegen begutachtet worden.

(sda)


Anzeige
Anzeige

Das könnte Sie auch interessieren

In Zürich zeichnet sich ein Ja zum Fussballstadion ab
Schweiz

In Zürich zeichnet sich ein Ja zum Fussballstadion ab

Zürich erhält voraussichtlich doch noch ein reines Fussballstadion: Die Stadtzürcher Stimmberechtigten sagen gemäss bisheriger Auszählung Ja zum Hardturmstadion. Nach der Auszählung von 6 von 9 Wahlkreisen in der Stadt liegt der Ja-Stimmenanteil bei rund 60 Prozent.

Kriens beschliesst Einzonungsmoratorium für 15 Jahre
Regional

Kriens beschliesst Einzonungsmoratorium für 15 Jahre

Die Stadt Kriens darf während 15 Jahren kein Bauland mehr einzonen. Das Stimmvolk hat eine entsprechende Initiative der Grünen am Sonntag mit einem Ja-Stimmenanteil von knapp 53 Prozent angenommen.

Fünfter ATP-Titel für Andrej Rublew
Sport

Fünfter ATP-Titel für Andrej Rublew

Andrej Rublew reist mit seinem fünften ATP-Titel im Gepäck ans French Open. Der 22-jährige Russe setzt sich am 500er-Turnier in Hamburg im Final gegen Stefanos Tsitsipas 6:4, 3:6, 7:5 durch.

Epidemiologe Salathé sieht Silberstreifen am Horizont
Schweiz

Epidemiologe Salathé sieht Silberstreifen am Horizont

Der Epidemiologe Marcel Salathé, der Mitglied der Corona-Task-Force Wissenschaft des Bundes ist, sieht wichtige Fortschritte bei der Eindämmung des Virus. Bereits Anfang 2021 könne die Schweiz soweit sein, dass Covid-19 nicht mehr schlimmer als eine Grippe sei.