Weltklimarat fordert schnelles Handeln - mehr Schutz für Wälder


Roman Spirig
Schweiz / 08.08.19 16:15

Im Kampf gegen die Erderwärmung müssen Wälder besser geschützt und die Landwirtschaft klimafreundlicher werden. Zu diesem Ergebnis kommt der Weltklimarat IPCC im am Donnerstag in Genf präsentierten Sonderbericht über den Zusammenhang von Klimawandel und Landflächen.

Weltklimarat fordert schnelles Handeln - mehr Schutz für Wälder (Foto: KEYSTONE / MARTIAL TREZZINI)
Weltklimarat fordert schnelles Handeln - mehr Schutz für Wälder (Foto: KEYSTONE / MARTIAL TREZZINI)

"Die Landflächen stehen unter einem wachsenden, von Menschen erzeugten Druck", sagte der Vorsitzende des Weltklimarats IPCC, Hoesung Lee. Zugleich liege im Umgang mit dem Land auch ein Teil der Lösung der Probleme rund um den Klimawandel. "Aber die Landflächen können es nicht alleine richten."

Umweltschützer und zahlreiche Wissenschaftler sehen in dem Bericht den Beleg, dass schnelles Handeln in möglichst vielen Bereichen unumgänglich ist.

Die Autoren des Berichts, 107 Forscher aus 52 Ländern, gehen unter anderem davon aus, dass die Zahl, Dauer und Intensität von Hitzewellen sowie Dürren nicht zuletzt rund um das Mittelmeer zunehmen werden. In vielen Regionen werden zudem häufiger extreme Regenfälle vorkommen.

Zugleich sieht der IPCC Gefahren für die sichere Versorgung mit Lebensmitteln. "Die Stabilität des Nahrungsmittel-Angebots wird voraussichtlich sinken, da das Ausmass und die Häufigkeit von Extremwetter-Ereignissen, die die Lebensmittelproduktion beeinträchtigen, steigen wird."

Derzeit seien rund 820 Millionen Menschen weltweit unterernährt. Ihre Zahl steigt nach Uno-Daten seit einigen Jahren wieder. Laut IPCC leben rund 500 Millionen Menschen in Gebieten, die von Versteppung bedroht sind. Diese Regionen seien umso anfälliger für Wetterextreme wie Dürren, Hitzewellen und Staubstürme.

Landverlust durch Klimawandel ist laut Edouard Davin von der ETH Zürich und Leitautor des IPPC-Sonderberichts ein grosses Problem. Etwa durch Wüstenbildung, Bodenerosion, sowie den Verlust von Vegetation und das Schwinden des Permafrosts, wie Davin in einer Mitteilung der Schweizerischen Akademie der Naturwissenschaften zitiert wird.

Laut IPCC geht es nun darum, die gesamte Kette der Erzeugung und des Konsums von Nahrungsmitteln zu überdenken. Die Autoren werben für eine ausgewogene Ernährung, die verstärkt auf Gemüse, Getreide und tierische Waren aus nachhaltiger Produktion setzt.

Aus Sicht von Umweltschützern muss vor allem der Fleischkonsum reduziert werden. Laut WWF Schweiz wird für die Produktion eines Kilos Rindfleisch 15,4 Kilogramm CO2-Äquivalent ausgestossen, für ein Kilo Linsen nur 700 Gramm.

José Romero, Schweizer IPCC-Delegationsleiter, schrieb in einer Stellungnahme an die Nachrichtenagentur Keystone-SDA: "Der IPCC-Bericht zeigt, dass nachhaltige Praktiken in der Landwirtschaft mit Hilfe eines Massnahmenpakets intensiviert und ausgewertet werden müssen."

Hierbei nennt er etwa Regulierungen bei der Raumplanung oder die Einführung von Labels und Normen. Zudem zeige der IPCC-Bericht, dass der Erhalt der Bodenqualität ein wichtiges Mittel gegen Klimaerwärmung und zugunsten der Biodiversität sei, erklärte der Schweizer Delegationsleiter.

Romero sieht die Schweiz in ihren Bemühungen um eine nachhaltige Landwirtschaft "auf gutem Weg". Als positives Beispiel nennt er die Zahlungen an die Landwirtschaft für die Förderung von Ökosystemdienstleistungen. Dazu gehören beispielsweise Landschaftspflege oder der Schutz der Einzugsgebiete von Gewässersystemen.

Er hält fest, dass in der Schweiz ein dauernder Dialog zwischen den Bereichen Umwelt und Landwirtschaft stattfindet, um so für wichtige Probleme wie den Erhalt der Biodiversität und die Wasserqualität Lösungen zu finden.

Nach der Veröffentlichung des Sonderberichts forderte Greenpeace den Bundesrat auf, eine "echte Lebensmittelpolitik" zu starten. "Weniger Fleisch = weniger Hitze", skandierten Aktivisten der Umweltschutzorganisation auf der Place des Nations in Genf. "Wir dürfen uns nicht mit halben Sachen zufrieden geben", sagte Mathias Schlegel, Sprecher von Greenpeace Schweiz, zur Keystone-SDA.

Er hoffe, dass der Besuch von Greta Thunberg in Lausanne und der IPCC-Bericht dazu beitragen würden, das Klima bei den eidgenössischen Wahlen im Herbst zu einem wichtigen Thema zu machen. Ein anderer Greenpeace-Vertreter meinte: "Die Landwirtschaft muss wieder lokal werden."

Ein WWF-Vertreter sagte am Rande des Treffens in Genf: "Der Bericht sendet eine klare Botschaft." Vorrangig müsse es nun darum gehen, die Ökosysteme zu schützen und zu renaturieren sowie sich in Richtung nachhaltige Nahrungsmittelproduktion und -verbrauch zu bewegen.

Am 23. September beraten die Staaten bei einem Klimagipfel der Uno über die Folgen des Temperaturanstiegs. Das Klimaschutzabkommen von Paris von 2015 hatte zum Ziel, die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad, möglichst auf 1,5 Grad im Vergleich zu vorindustrieller Zeit zu begrenzen.

Gemäss dem IPCC-Sonderbericht liegt der weltweite Temperaturanstieg im Vergleich zur vorindustriellen Zeit insgesamt bei 0,87 Grad. Über den Landflächen liegt er bereits bei 1,53 Grad, weil sich diese schneller erhitzen als die Meeresflächen.

Verglichen wurden die Zeiträume 1850 bis 1900 und 2006 bis 2015. Der Klimarat hatte bereits 2018 vor den Folgen gewarnt, falls die globale Temperatur über 1,5 Grad steigen sollte.

(sda)


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