Wenn die Taube vor dem Löwendenkmal aus dem Kunstwerk fliegt


Roman Spirig
Regional / 03.07.20 16:00

Die bulgarische Künstlerin Olga Georgieva malt vor dem Luzerner Löwendenkmal ein Live-Bild. Sie hält damit die teils flüchtige Beziehung zwischen dem Monument und den Menschen fest. Ihrer Erinnerung hilft sie bisweilen selber mit einem Handyfoto nach.

Wenn die Taube vor dem Löwendenkmal aus dem Kunstwerk fliegt (Foto: KEYSTONE /  / )
Wenn die Taube vor dem Löwendenkmal aus dem Kunstwerk fliegt

Mani Matter hat besungen, was Olga Georgieva dieser Tage wieder einmal erlebt. Doch nicht die Kuh am Waldrand ist es, die plötzlich aus der Szenerie verschwindet, die der Maler erwählt hat, sondern eine Taube. Und Menschen.

Neugierig beäugt eine Schulklasse an diesem Freitagvormittag die Papierrolle, die Georgieva auf den Pflastersteinen vor dem Luzerner Wahrzeichen ausgerollt hat und mit schwarzer Acrylfarbe bemalt. Mit wenigen Strichen hat die Künstlerin flugs Körper und Gesichter erfasst, als die Jugendlichen von der Lehrerin gerufen werden.

Georgieva vollendet die Szene aus dem Gedächtnis. Und auch ein Taubenpaar trappelt nur kurz vorbei, doch das genügt der Künstlerin, um eine davon zu Papier zu bringen. Erinnerungsvermögen ist gefragt und auch Geräusche beeinflussen den Prozess.

Manchmal, sagte Georgieva, das Telefon in der Hand, halte ich Szenen auch kurz fotografisch fest. Die Schwierigkeit der Live-Arbeit sei es aber, die Anwesenden möglichst nicht merken zu lassen, dass sie Teil des Bildes werden.

Dass die 1986 in Bulgarien geborene Künstlerin, die mit ihren Live-Performances international unterwegs ist und schon in Genf gemalt hat, in der Stadt Luzern weilt, hat mit dem 200-Jahr-Jubiläum des Löwendenkmals zu tun, das 2021 ansteht.

Im Rahmen des mehrteiligen Kunstprojekts L21 ist das Resultat des Live-Paintings ab dem 15. Oktober in der Ausstellung Die dunkle Seite des Löwens in der Kunsthalle zu sehen.

Allerdings dienen die festgehaltenen Szenen nur als Vorstudie. Diese wird Georgieva anschliessend grossformatig in Holz schnitzen, das ein Bett an drei Seiten umrandet und in das sich die Ausstellungsbesucher unter dem Titel Give your memories a home legen können.

Projektleiterin Karin Mairitsch sagte, es gehe in Georgievas Arbeit um das Monument als Objekt der Erinnerung, die sich verändere, ins Dunkle gerate. Den Hintergrund des sterbenden Löwens etwa, der für den Tod von Schweizer Söldnern beim Tuileriensturm in Paris 1792 steht, sei vielen Besuchern nicht mehr bewusst.

Und in der Tat. Während Georgieva weiter beobachtet und malt, posiert eine Mutter aus Graubünden mit ihrem Sohn vor dem Löwen. Auf Nachfrage kann sie sich spontan nicht an die Geschichte hinter dem Denkmal erinnern. Auch drei Jugendliche aus Genf, die gerade auf ihrer Tour de Suisse in Luzern halt machen, wissen nichts von den Söldnern.

Die Frage, wofür ein Denkmal steht, ist seit der jüngsten Rassismus-Debatte hochaktuell, in Neuenburg etwa fordert eine Petition die Entfernung der Statue des Bankiers und Sklavenhändlers David de Pury (1709-1786). Mairitsch sagt über den Löwen: Auch dieses Denkmal gehört kritisch hinterfragt. Die Live-Performance dauert noch bis Samstag, 18 Uhr.

(sda)


Anzeige

Das könnte Sie auch interessieren

Sergei Aschwandens Höhepunkt 2008 wurzelte im Tiefpunkt von 2004
Sport

Sergei Aschwandens Höhepunkt 2008 wurzelte im Tiefpunkt von 2004

Heute vor zwölf Jahren holte Sergej Aschwanden in Peking Olympia-Bronze im Judo. Der heutige Schweizer Verbandspräsident blickt zurück auf diesen grossen Tag.

Kantonspolizei legt 87 Autos still wegen zu lauter Auspuffanlagen
Schweiz

Kantonspolizei legt 87 Autos still wegen zu lauter Auspuffanlagen

Die Kantonspolizei Zürich hat zwischen Ende Juni und Anfang August 87 Autos wegen illegaler Auspuffanlagen stillgelegt. Bei 17 Kontrollen im ganzen Kantonsgebiet wurden insgesamt 109 Fahrzeuge beanstandet.

Biden fordert landesweite Maskenpflicht zur Corona-Eindämmung
International

Biden fordert landesweite Maskenpflicht zur Corona-Eindämmung

Der designierte Präsidentschaftskandidat der US-Demokraten, Joe Biden, hat in der Corona-Krise eine landesweite Maskenpflicht gefordert. Jeder einzelne Amerikaner sollte ab sofort in der Öffentlichkeit einen Mund-Nasen-Schutz tragen und das mindestens für die kommenden drei Monate, sagte Biden am Donnerstag in Wilmington (Delaware), nachdem er und und seine Vize-Kandidatin Kamala Harris von Experten über die Corona-Pandemie unterrichtet wurden. "Jeder Gouverneur sollte das verpflichtende Tragen einer Maske vorschreiben", forderte Biden. Auf diese Weise könnten nach Schätzungen von Experten mindestens 40 000 Menschenleben in den kommenden drei Monaten gerettet werden.

Skyguide erhält wegen Corona bis 400 Millionen Franken Bundeshilfe
Schweiz

Skyguide erhält wegen Corona bis 400 Millionen Franken Bundeshilfe

Die Schweizer Flugsicherung Skyguide erhält für das laufende und das nächste Jahr insgesamt bis zu 400 Millionen Franken Bundeshilfe. Der Bundesrat hat am Mittwoch eine entsprechende Unterstützung für das von einem Liquiditätsengpass bedrohten Unternehmen beschlossen.