Wenn Tennisspielerinnen über schwere Waffen sprechen


News Redaktion
Sport / 29.06.22 19:04

In der 2. Runde von Wimbledon spielen die Ukrainerinnen Angelina Kalinina und Lesia Zurenko gegeneinander. Der Krieg ist ihren Köpfen allgegenwärtig.

Dank ans Publikum für die Unterstützung: die Ukrainerin Angelina Kalinina (FOTO: KEYSTONE/AP/John Walton)
Dank ans Publikum für die Unterstützung: die Ukrainerin Angelina Kalinina (FOTO: KEYSTONE/AP/John Walton)

Am 17. Februar war Angelina Kalinina letztmals zuhause in Kiew. Eine Woche später wurde ihre Heimat von Russland angegriffen, seither lebt die 25-jährige Ukrainerin, die Nummer 34 der Welt, aus "zwei riesigen Koffern", wie sie sagt. Indian Wells, Miami, Charleston, Istanbul, Madrid, Rom, Paris, 's-Hertogenbosch, Berlin, Eastbourne und nun Wimbledon lauten die Stationen. "Hotel, Turnier, Training, nächstes Hotel", beschreibt Kalinina ihre Routine.

Pausen gönnt sie sich keine, denn nur auf dem Tennisplatz kann sie zumindest für ein paar Augenblicke die grausame Realität mit dem Krieg in der Heimat ausblenden. Lachen sieht man Kalinina in diesen Tagen nie. Traurig erzählt sie von ihren Eltern in Irpin, deren Haus in Grund und Boden gebombt wurde. Zum Glück könnten sie nun im Apartment in Kiew bleiben, das sie sonst mit ihrem Mann und Trainer bewohnt.

Kalinina ist eine der besten Freundinnen von Belinda Bencic, beim French Open und in den Niederlanden spielten die beiden zusammen Doppel. "Sie hat mir jede erdenkliche Hilfe angeboten, die ich brauche", erzählt sie. "Sie ist eine der wenigen, die wirklich helfen will. Dafür bin ich super dankbar."

Ob die Menschen in der Heimat das inner-ukrainische Duell verfolgt haben, weiss sie nicht. "Es spielt auch keine Rolle, sie haben andere Sorgen." Die derzeit schlechter klassierte, aber erfahrenere Zurenko gewann die Partie. Sie zeigt sich wie Kalinina dankbar, dass die russischen und belarussischen Spieler in Wimbledon nicht antreten dürfen. "Ich fühle mich schlecht, wenn ich sie in den Garderoben und in den Gängen sehe." Nur je eine russische und belarussische Spielerin habe ihr gegenüber versichert, dass ihnen der Krieg leid tue und dass sie dagegen seien.

Zurenko betont, der Auftritt ukrainischer Musiker, Künstler oder eben auch Sportler im Ausland sei wichtig. "Sie zeigen, dass es uns noch gibt. Der Krieg ist etwas in den Hintergrund gerückt, aber wir kämpfen und wir brauchen Hilfe." Und dann sagt sie einen Satz, der für eine Sportlerin ungewöhnlich ist: "Ich wünschte mir, dass wir ganz viele schwere Waffen erhalten in der Ukraine." Darauf hat sie keinen Einfluss, aber die Sympathien der Tennisfans in Wimbledon wird sie auch in der 3. Runde gegen die Deutsche Jule Niemeier auf ihrer Seite wissen.

Angelina Kalinina spielt derweil noch Doppel (diesmal nicht mit Bencic), ehe sie wieder die Koffer packt. Alles, um nicht zu viel nachdenken zu müssen.

(sda)


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