Wie der Fahrer, so der Geschäftsmann Hirscher


News Redaktion
Sport / 24.01.23 05:03

Marcel Hirscher mischt mit seiner Skimarke Van Deer die alpine Szene auf. Als Unternehmer schreibt er die nächste Erfolgsgeschichte. Nicht zur Freude aller. Das Projekt ist auch von Kritik begleitet.

Macht sich mit seiner Skimarke nicht nur Freunde: Marcel Hirscher, Gründer von Van Deer (FOTO: Keystone/APA/APA/EXPA/JFK)
Macht sich mit seiner Skimarke nicht nur Freunde: Marcel Hirscher, Gründer von Van Deer (FOTO: Keystone/APA/APA/EXPA/JFK)

Es war ruhig geworden um Marcel Hirscher nach seinem im Herbst vor drei Jahren verkündeten Rücktritt. Der Rückzug als Spitzensportler war auch ein Abgang aus der Alpin-Szene. Mediales Interesse generierte der Salzburger einzig durch den Beinbruch, den er bei einem Motorrad-Rallye in Rumänien erlitten hatte, und durch die öffentlich gemachte Trennung von seiner Frau Laura.

Doch die Ruhe war nur trügerischer Schein, die Wirklichkeit war eine andere. Das neue Leben des achtfachen Gesamtweltcup-Siegers fernab des Scheinwerferlichts hatte mit Stillstand nichts zu tun. Hirscher blieb der Umtriebige, getrieben von der Idee einer eigenen Skimarke.

Bei der Umsetzung des ambitionierten Projekts ging Hirscher seinen eigenen Weg, der für ihn schon als Spitzensportler so typisch war. Akribie und Zielstrebigkeit hielt er bei, seinen Perfektionismus ebenso. Er wollte nicht nur dabei sein, sondern so schnell als möglich mittendrin.

Sein neues Ziel verfolgt Geschäftsmann Hirscher mit der Konsequenz des Rennfahrers Hirscher. Er will erneut für neue Werte stehen, das Niveau auch im Materialsektor auf ein höheres Level heben. Von seiner Philosophie profitieren neben den Spitzen- auch die Breitensportler. Das Sortiment der Firma Van Deer - "Van" heisst aus dem Niederländischen übersetzt "von", "Deer" steht im Englischen für "Hirsch". Hirschers Mutter ist eine gebürtige Niederländerin - umfasst Ski für alle Bereiche.

Ende September vorletzten Jahres bei der erstmaligen Präsentation seiner Eigenmarke gab Hirscher die Richtung unmissverständlich vor. Die Zielsetzung definierte er ohne Umschweife. "Dieser Ski wird Weltcup-Rennen gewinnen." Zehn Monate später verkündete er den nächsten Coup, den Einstieg von Red Bull ins Unternehmen. Die Zusammenarbeit wurde mit der Gründung der Van Deer-Red Bull Sport Equipment GmbH besiegelt.

Hirscher hievte damit die langjährige Partnerschaft mit dem Getränke-Hersteller auf eine neue Ebene und stellte seine Firma gleichzeitig auf ein gesichertes finanzielles Fundament. Die erste gemeinsame Handlung war die Übernahme der Skimarke Augment und ihres Produktionsstandorts in Stuhlfelden. An der Basis im Pongau werden auch die Ski von Van Deer gefertigt.

Es war auch der Beginn jener Phase, in der Hirscher im personellen Bereich Stück für Stück die Komponenten mit der Garantie für den Erfolg zusammenstellte. Für die Führungspositionen waren ihm, wen wunderts, nur die Besten gut genug. Das forsche Vorgehen bei der Rekrutierung, die kompromisslose Art, wie er Fachkräfte von ihren damaligen Arbeitgebern loseiste, kam in den betroffenen Kreisen nicht gut an. Die Kritik war landesweit unüberhörbar - vor allem, weil sich Hirscher vorab bei Österreichs Skiverband bediente.

Als Projektleiter engagierte er Toni Giger, den langjährigen Chefcoach von Österreichs alpinem Männer-Team und in seiner letzten Phase im Dienste des Verbandes Sportdirektor. Als einstiger Leiter der ÖSV-Abteilung für Entwicklung, Forschung und Innovation brachte Giger immenses Wissen mit.

Aus der gleichen ÖSV-Untergruppe folgte Edi Unterberger Hirschers Ruf. Für Unterberger war es eine Rückkehr. Als Servicemann hatte er schon einmal mit Hirscher zusammengearbeitet. In seiner damaligen Tätigkeit galt er als Institution. Bevor er ein erstes Mal zum Team Hirscher gehört hatte, war er unter anderem der Ski-Präparator von Hermann Maier, Michael Walchhofer und Aksel Svindal. Aus dem Service-Sektor wanderten zudem Raphael Hudler und Bernhard Arnitz, die bis dahin für die Ski-Präparierung von Katharina Liensberger und Nicole Schmidhofer zuständig waren, in Hirschers Firma ab.

Eher abenteuerlich waren die Vorwürfe, die Hirscher und seine Leute wegen angeblicher Verwendung von Ski der Konkurrenz zu hören bekamen. Selbst vonseiten anderer Firmen wurden derartige Machenschaften ausgeschlossen. Da war wohl der Neid der Vater des Gedankens.

Auf Fahrer-Seite warfen die Verpflichtungen vorerst keine grossen Wellen. Als erste Zugänge wurden der Brite Charlie Raposo und der Norweger Timon Haugan vermeldet. Umso aufsehenerregender war der im vergangenen Sommer getätigte Transfer von Henri Kristoffersen. Ausgerechnet der Norweger entschied sich für ein Zusammengehen mit Hirscher, seinem einstigen grossen Rivalen, der ihn oft zur Verzweiflung gebracht und nicht selten zur Weissglut getrieben hatte.

Die frühere Rivalität, die ab und zu auch Feindschaft war, hat längst in ein funktionierendes Miteinander umgeschlagen. Kristoffersen gerät über die Arbeitsweise bei seinem neuen Ausrüster ins Schwärmen. "Betreffend Material bin ich in eine völlig andere Welt eingetaucht. Die Fokussierung aufs Detail ist beeindruckend, und die Präparierung der Ski auf einem komplett neuen Niveau. Das ist ein neuer Planet."

"Es läuft sehr gut", hatte Kristoffersen schon im Vorfeld des Riesenslaloms im Oktober in Sölden gesagt. "Ich bin zuversichtlich, dass ich schon in dieser Saison um Podestplätze und Siege mitfahren werde."

Der Norweger lag mit seiner Einschätzung richtig. Er hielt von Anfang an mit den Besten mit und sorgte mit den in unscheinbarem Grau- und Grün-Tönen gehaltenen Ski bereits für manchen Farbtupfer in der von den grossen Playern der Ski-Industrie dominierten Szene. Die Zwischenbilanz mit den Slalom-Siegen in Garmisch und Wengen und fünf weiteren Podestplätzen kann sich sehen lassen.

Es soll erst der Anfang gewesen sein. "Wir sind gekommen, um zu bleiben", heisst es vonseiten von Van Deer. Die Ruhe hat sich Marcel Hirscher für später aufgespart.

(sda)


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