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Wegkreuze: Geschichten und Bedeutung in der Zentralschweiz

Auf Spurensuche

«Genau hier»: Geschichten hinter Zentralschweizer Wegkreuzen

Florian Pfister, 2. Oktober 2026, 06:26 Uhr
Die sogenannten Pestkreuze in Ennetmoos.
© Radio Central
Wir laufen an ihnen vorbei, ohne sie wirklich zu sehen. Dabei steht jedes Wegkreuz aus einem Grund genau dort. Eine Suche durch alle sechs Zentralschweizer Kantone führt zu fast vergessenen Geschichten, überraschenden Antworten und neuen Fragen.

Sie stehen seit Jahrzehnten, manchmal seit Jahrhunderten da. Und trotzdem wissen wir oft nicht, warum. Wir sind zu sechs Wegkreuzen in der Zentralschweiz gereist – auf der Suche nach Geschichten, die ihren Orten längst nicht mehr anzusehen sind.

Hier beim Schächbelerwald in Ruswil steht ein Kreuz
© Radio Central

Ein Weg. Eine Wiese. Ein Kreuz. Was wir sehen, wirkt zunächst unspektakulär. Doch irgendwann hat jemand entschieden:

Dieses Kreuz kommt genau hierhin.

Warum nicht 50 Meter weiter? Warum nicht beim nächsten Haus? Warum überhaupt an diesen Ort? Ziemlich schnell wird klar: Die Antwort ist selten so einfach, wie die Frage klingt.

Geschichten aus der Vergangenheit

Totenheer und Wetterhexen. Pestkreuze, die vielleicht gar keine sind. Ein alter Leichenweg. Ein Kreuz, das 650 Meter wandert. Und ein fast 550 Jahre altes Kreuz in einem Werkhof.

Die ausführliche Audiodoku verbindet alle sechs Orte zu einer Reise über Glauben, Erinnerung und die Frage, was von einer Geschichte bleibt, wenn sich rundherum alles verändert.

Luzern - Was ist an diesem Ort anders?

Ein Schutzkreuz in Ruswil.
© Radio Central

Am Rand des Schächbelerwalds bei Ruswil sieht zunächst wenig ungewöhnlich aus.

Eine Strasse. Wald. Wiese.

Was sieht man diesem Ort heute nicht mehr an?

Nach altem Volksglauben verlief hier ein Dürstweg: ein Weg, auf dem das Totenheer unterwegs gewesen sein soll.

Für Menschen früher konnte ein solcher Ort eine Bedeutung haben, die wir ihm heute nicht mehr ansehen.

Und Menschen spüren zum Teil auch heute noch eine Kraftlinie.

Und plötzlich bekommt auch das Kreuz daneben eine andere Bedeutung.

Zug - Können wir dieses Kreuz noch lesen?

Ein Glaubenskreuz in Zug.
© Radio Central

Kannst du dieses Kreuz noch lesen?

Jesus Christus. Ein Totenschädel. Eine alte Inschrift.

Tippe auf ein Element.

Christusfigur

Das Kreuz ist nicht nur ein Erinnerungszeichen. Es macht den christlichen Glauben im öffentlichen Raum sichtbar.

Totenschädel

Der Schädel erinnert an Tod und Vergänglichkeit – eine Bildsprache, die auch aussagt: Im Tod sind wir alle gleich.

Die Inschrift

Die Worte auf dem Sockel erklären, wie das Kreuz verstanden werden soll: Die Verehrung gilt nicht dem Stein selbst, sondern dem, wofür er steht.

Der Standort

Auch der Ort war Teil der Botschaft. Früher stand das Kreuz beim Baarertor und war damit für Menschen sichtbar, die von Zürich her in die katholische Stadt Zug kamen.

Das Kreuz neben dem Zuger Regierungsgebäude trägt eine ziemlich klare Botschaft.

Zumindest für Menschen, die ihre Sprache verstehen.

Das Kreuz stand früher an einem anderen Ort. Und dort sagte allein sein Standort etwas darüber aus, wo man sich befand.

Heute ist der Stein noch da.

Aber sehen wir noch dasselbe darin?

Nidwalden - Wie viel erzählt das Archiv? Und wie viel die Menschen?

Drei Kreuze stehen auf dem Allweg in Ennetmoos.

Die Pestkreuze in Ennetmoos.
© Radio Central

Warum stehen diese drei Kreuze hier?

Die Antwort: Wir wissen es nicht genau.

In den Quellen tauchen mehrere mögliche Erklärungen auf: Pest, Viehseuche – und sogar ein früheres Wegweiserkreuz.

Sie haben im Volksmund einen Namen. Seit Generationen nennt man sie Pestkreuze.

Damit wäre die Frage eigentlich beantwortet.

Wäre da nicht das Archiv.

Ausschnitt aus dem Nidwaldner Landratsprotokoll von 1753.
© Radio Central

Und was erzählen Menschen?

Eine Geschichte wandert von einer Grossmutter zum Enkel. Vom Enkel zur früheren Kirchensekretärin Elisabeth Wigger. Von Wigger aufs Papier. Und Jahre später weiter.

Uri - Wie rettet man ein Kreuz, das nicht mehr zu retten ist?

Lyychäghirmi in Altdorf.
© Radio Central

Karl Baumann-Simmen lief immer wieder daran vorbei.

Und jedes Mal war ein bisschen weniger Kreuz da. Der Sandstein zerfiel.

Bei seiner Suche nach der Geschichte des Kreuzes stiess er auf ein Wort:

Lyychäghirmi.

Eine Rast auf dem letzten Weg.

Früher wurden Verstorbene zu Fuss vom Trauerhaus zur Kirche getragen. Bei sogenannten Lyychäghirmi hielt der Leichenzug an.

Das Kreuz in Altdorf war Teil eines Weges, den heute kaum noch jemand als solchen erkennt. Karl Baumann-Simmen hat versucht, nicht nur das Kreuz zu retten.

Schwyz - Was nimmt ein Kreuz mit, wenn es 650 Meter wandert?

Früher: Ein Kreuz.

Heute: Parkplatz. Schulhaus. Verkehr.

Heute:

Erinnerungskreuz in Merlischachen.
© Radio Central

650 Meter weiter.

650 Meter können viel verändern.

Das Kreuz stand ursprünglich bei der ehemaligen Kapelle. Heute steht es 650 Meter weiter.

Alter Standort Neuer Standort
0 Meter

Am Anfang

Hier stand das Kreuz.

Es erinnerte an die frühere Kapelle an diesem Ort.

Ein Wegkreuz. Nur führt kein Weg mehr hin.

Obwalden - Was, wenn das Kreuz nur noch ein Schatten ist?

Nur noch ein Schatten im Museum Obwalden.
© Radio Central

Das Heinzli-Kreuz ist fast 550 Jahre alt.

Höchste Schutzstufe.

Im Museum Obwalden sehen wir davon zunächst nur einen Schatten. Das Museum wird umgebaut.

Also suchen wir weiter.

Das Heinzli-Kreuz im Depot Foribach in Sarnen.
© Radio Central

Jetzt steht - oder liegt - das Heinzli-Kreuz im Werkhof Foribach.

Und es ist längst nicht der erste Ortswechsel.

Heute muss schon wieder entschieden werden, wo das Kreuz künftig hingehört.

Nach sechs Stationen

Was ist an einem Wegkreuz zerbrechlicher?

Vielleicht ist genau diese Frage nach sechs Kantonen schwieriger zu beantworten als am Anfang.

Die ganze Reise durch die Zentralschweiz

Ein Kreuz kann seinen Ort wechseln. Es kann ersetzt werden. Seine Bedeutung kann sich verändern. Und manchmal wissen wir nach Jahrhunderten nicht einmal mehr genau, wo seine Geschichte angefangen hat.

In den sechs Radiobeiträgen erzählen wir sechs einzelne Geschichten.

In der Audiodoku wird daraus eine Reise. Zu Menschen, die diese Geschichten kennen. Zu Archiven, die manche Fragen beantworten – und andere offenlassen. Und zu Orten, die heute völlig anders aussehen als damals.

Und bei euch?

Vielleicht steht auf eurem Arbeitsweg eines.

Vielleicht kommt ihr beim Wandern immer wieder daran vorbei.

Vielleicht habt ihr es bisher kaum wahrgenommen.

Kennt ihr ein Wegkreuz in eurer Umgebung? Dann tragt es in unsere Karte ein:

Welche Geschichten verbinden euch mit gewissen Wegkreuzen? Oder welche Geschichte erzählt ein gewisses Kreuz? Sagt es uns.

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Geschichten, die bleiben

Vielleicht lauft ihr morgen wieder an einem vorbei.

Das Kreuz wird noch gleich aussehen.

Der Weg daneben auch.

Und trotzdem seht ihr vielleicht etwas anderes. Und fragt euch

Warum genau hier?

Quelle: Radio Central
veröffentlicht: 1. Oktober 2026 17:00
aktualisiert: 2. Oktober 2026 06:26