Aline Valangins intimer Blick auf die toxische Beziehung zur Mutter
Das schmale Büchlein birst fast, so intensiv und widersprüchlich sind die Gefühle, um die es darin geht. Die Schweizer Schriftstellerin Aline Valangin (1889-1986) hat ihren Text nach dem Tod der Mutter 1921 geschrieben. 2001 wurde er erstmals publiziert. «Mutter» umfasst nicht einmal sechzig Seiten und stösst zu einem Kernproblem der patriarchalischen Gesellschaft vor: dem Kampf der Frauen gegeneinander.
Im Nachwort zur neuen Ausgabe ordnet Herausgeberin Liliane Studer das Ringen Valangins mit ihrer Mutter biografisch ein. Als die junge Aline Ducommun ihre Tochter gebar, war sie enttäuscht. Sie hatte als Mädchen selbst erlebt, dass Söhne bevorzugt wurden. Und sie hatte sich auch als Ersatz für den gefühlskalten Ehemann einen Jungen gewünscht. So konnte die Liebe der Tochter niemals genügen.
Dennoch gab die Mutter ihr den eigenen Namen - Aline - und band sie eng an sich. Wichtig war dabei die Musik. Die beiden Alines verband die Liebe zum Klavier. «Meine Mutter und ich verstanden uns ohne Worte, mit nur einem Blick, einem Zeichen, einem Lächeln», wird Valangin in der Biografie von Peter Kamber zitiert, «oft spielten wir vierhändig, der Gipfel des Glücks».
Emotionale Abhängigkeit
Valangin selber ordnete später als Psychoanalytikerin ein, was Anziehung und Abstossung in der Beziehung zur Mutter mit ihr gemacht hatten. Der Text «Mutter» ist das beste Beispiel dafür. Er mutet verzweifelt an, die teilweise unfertigen Sätze stehen in starkem Kontrast zur gestelzten Sprache der gehobenen Schicht, zu der Aline und Aline gehörten. «Ich war bös. Mutter sagte, das Teufelchen sei in mir», erinnert sich die Tochter an ihre Kindheit. «Sie machte das Fenster auf und schickte das Teufelchen hinaus. (...) Und es ging. Aber später, als ich älter wurde, ging es nicht immer und nicht sogleich. Oft musste Mutter weinen und erst dann verliess es mich.»
Als Erwachsene brach Aline Valangin mit der Mutter und führte ein freies Bohème-Leben in Zürich und im Tessin. Dennoch blieb sie emotional von der Mutter abhängig, die sie wiederholt nach Hause lockte - indem sie vorgab, zu sterben. Und als sie dann wirklich im Sterben lag, beschuldigte die 32-jährige Tochter vor allem sich selbst: «[Ihr] Lächeln hat meine Härte und Bosheit geschmolzen. An ihm ist mein ganzer Stolz zusammengebrochen. (...) Ach, könnte ich je wieder gut machen, was ich aus trägem Herzen an der Mutter verfehlt, könnte ich büssen!»*
*Dieser Text von Tina Uhlmann, Keystone-SDA, wurde mithilfe der Gottlieb und Hans Vogt Stiftung realisiert.