«Definitiv keine Krisenstimmung»
Mirco Müller hat in seiner Karriere schon einige.s erlebt. Der 31-jährige Verteidiger bestritt 188 Partien in der NHL. Doch nach der 2:7-Niederlage am Dienstag in Zug kann er im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA eine gewisse Ratlosigkeit nicht verbergen. Zwar waren die Bianconeri nicht dermassen unterlegen, wie es das klare Resultat vermuten lässt. Für Müller ist aber klar: «Wir müssen als Mannschaft cleverer sein, machten ein paar Fehler zu viel. Wir vergaben auch heute wieder ein paar hundertprozentige Chancen, und defensiv müssen wir kompakter stehen, den Torhütern mehr helfen. Wenn ich genau wüsste, was der Grund ist, würden wir es sicher anders machen.»
Der HC Lugano durchlebt im Moment eine schwierige Phase. Das Team von Trainer Tomas Mitell verlor dreimal in Serie und neun der letzten 13 Partien. Deshalb belegen die Tessiner in der Tabelle lediglich den drittletzten Platz. Der Vorsprung auf das Schlusslicht Kloten beträgt bei einer Begegnung weniger einen Zähler. «Wir hatten viele Spiele, in denen wir sehr gut waren und es dann in kürzester Zeit vermasselt haben», sagt Sportchef Janick Steinmann. Die gezeigten Leistungen würden nicht der Punkteausbeute entsprechen.
Die defensive Stabilität fehlt
Offensiv fehlt es Lugano zumindest nicht an Bemühungen. Nur der klare Leader ZSC Lions (553) sowie Lausanne (547) verzeichnen in dieser Saison vor dem Mittwochsspiel SCL Tigers gegen Fribourg-Gottéron mehr Torschüsse als Lugano (501). Zwar besteht bei der Effizienz (9,78 Prozent) Steigerungsbedarf, die grössere Baustelle ist allerdings die Defensive. Die Luganesi haben 3,63 Tore pro Spiel zugelassen. Das entspricht dem höchsten Wert in der National League. Im Boxplay (71,19 Prozent) ist nur der Kantonsrivale Ambri-Piotta (70,00 Prozent) schwächer. Umso problematischer ist, dass bisher einzig Fribourg-Gottéron im Schnitt mehr Zweiminutenstrafen kassiert hat.
Es gilt also, an einigen Stellschrauben zu drehen. Hilfreich könnte die Erfahrung aus der vergangenen Saison sein. Vor einem Jahr hatte Lugano nach 16 Partien ebenfalls bloss 19 Punkte auf dem Konto. Am Ende beendeten die Südtessiner die Qualifikation auf dem 5. Platz und qualifizierten sich damit direkt für die Playoffs, in denen sie im Viertelfinal mit 0:4 Siegen an den ZSC Lions scheiterten. Ohnehin ist hinter den Lions alles eng zusammen. Zwischen dem zweitplatzierten Ambri-Piotta und Schlusslicht Kloten liegen lediglich elf Punkte. Es kann also rasch in beide Richtungen gehen.
Entsprechend gibt es für Sportchef Janick Steinmann «definitiv keine Krisenstimmung». Ohnehin geht der 39-Jährige sehr pragmatisch vor. «Ich gehe immer mit sehr viel Respekt und Vorsicht in eine Saison hinein. Es fängt wirklich immer wieder bei null an. Die Mechanismen verändern sich. Es gibt Spieler, denen es nicht gleich gut läuft. Ich kann eine gewisse Kaderbreite planen und versuchen, eine gute Mittelachse zu haben. Das machte ich, so gut es ging.»
Auf diese Meisterschaft hin veränderte Steinmann das Kader vor allem bei den Ausländern, vier der sieben Import-Spieler sind neu. Während der Saison nahm er mit Genève-Servette einen Goalietausch vor und gab Joren van Pottelberghe im Gegenzug für Robert Mayer ab.
Ein schweres Erbe
Die Erwartungen an Lugano sind traditionell hoch. Der Klub ist nicht das einfachste Pflaster. Zu Beginn der Playoff-Ära in der Saison 1985/86 waren die Bianconeri das Mass der Dinge hierzulande. Sie holten mit diesem neuen Modus vier der ersten fünf Meistertitel. Der siebte und bislang letzte Meistertitel liegt allerdings bereits 20 Jahre zurück. Dennoch ist das «Grande Lugano» immer noch irgendwo im Hinterkopf. Jedenfalls ist für Steinmann die Erwartungshaltung insgesamt zu hoch, und die Medien würden das Drama suchen. «Man muss hier ein dickeres Fell haben, wenn du das nicht hast, wird es mühsam.»
Steinmann hofft, dass die Verantwortlichen wie nach dem schwachen Saisonstart vor einem Jahr die Ruhe bewahren und sich dies erneut auszahlt. Zum Verwaltungsrat gehört auch der frühere Topfussballer Stephan Lichtsteiner, der vor kurzem als Trainer des FC Basel entlassen worden ist. Mit ihm hält Steinmann immer wieder Kontakt. «Die Mechanismen und Abläufe in einem Team im Fussball und im Eishockey sind oft ähnlich. Er hat mit den Besten von den Besten zusammengearbeitet, der Austausch mit ihm ist sehr spannend.»
Den Verletzungssorgen trotzen
Selbstredend ist Steinmann zuversichtlich, dass es wieder nach oben geht. «Ich bin überzeugt, dass wir gut arbeiten. Und wenn du das tust, dann sollten auch die Resultate kommen. Mir ist aber bewusst, dass ich in diesem Sport nicht alles beeinflussen kann, Glück und Pech nahe beieinander liegen.»
So kämpft Lugano mit vielen Verletzten. Am Dienstag in Zug standen gleich acht Spieler nicht zur Verfügung. Nationalspieler Dario Simion bestritt in der laufenden Spielzeit noch keine Partie. In der vergangenen Woche fiel auch noch Calvin Thürkauf aus, der nicht umsonst der Captain des Teams ist. Er wird der Mannschaft wie auch Alessio Bertaggia und Jesper Peltonen in diesem Jahr nicht mehr zur Verfügung stehen.
«Das hilft uns natürlich nicht», sagt Steinmann, «aber ich möchte das nicht als Ausrede bringen. Das haben andere Mannschaften auch. Es ist für uns ein Charaktertest. Wir müssen nun einen Weg finden, jene Punkte zu holen, die wir vorher verschenkt haben.» Mirco Müller spricht davon, dass man das Glück erzwingen müsse. Die nächste Gelegenheit dazu bietet sich Lugano bereits am Donnerstag im Heimspiel gegen Lausanne. Dann möchte Müller nicht mehr ratlos sein.