Edimilson Fernandes als unschuldiger Wiederholungstäter
Seit dieser Saison führt der Schweizerische Fussballverband das Gefäss «Ref‹s Insights». Darin analysiert das Ressort Spitzenschiedsrichter im Nachgang kritische Spielszenen des Spieltags. Für den Platzverweis gegen Edimilson Fernandes beim 2:0-Heimsieg der Young Boys am Samstag gegen St. Gallen werden die Referees in der nächsten Ausgabe kaum Argumente haben.
Fernandes setzte in der 78. Minute im Mittelfeld zu einer Grätsche gegen Lukas Görtler an. Mit dem ausgestreckten Bein stoppte er den Ball, mit dem angewinkelten klemmte er unglücklich Görtlers Standfuss ein.
Schiedsrichter Lukas Fähndrich taxierte die Szene zunächst als gelbwürdiges Foul. Er stand unmittelbar neben dem Geschehen und hatte freie Sicht. Doch nach einem Hinweis von Fedayi San aus der VAR-Zentrale schaute er sich die Bilder noch einmal an - und zeigte Fernandes die Rote Karte.
Rot auch für Görtler zu hart
Ein Entscheid, der die Berner fassungslos zurückliess und den auch die St. Galler Spieler und die neutralen Zuschauer nicht nachvollziehen konnten. Selbst der gefoulte Görtler hätte eine Verwarnung als ausreichend empfunden: «Für mich hat es sich angefühlt, als fällt er mir unglücklich hinten aufs Sprunggelenk. Ich knicke um, und es tut richtig weh. Aber ich hatte nicht das Gefühl, dass es irgendwie absichtlich war. Ich hätte es okay gefunden, wenn es Gelb gewesen wäre.» YB-Verteidiger Cédric Zesiger meinte: «Edimilson spielt ganz klar den Ball. Für mich ist es eine mega, mega harte Rote Karte.»
Alain Bieri, Schiedsrichter-Experte bei blue und bis 2022 selbst Unparteiischer in der Super League, stufte den Platzverweis als «viel zu streng» ein. «Ich sehe keine Rote Karte», befand er. Ex-Nationalspieler Admir Mehmedi sagte in der Analyse bei blue: «Da darf sich der VAR einfach nicht einschalten, fertig, Punkt, aus. Das ist keine Rote Karte.» Veroljub Salatic verwies zwar auf die löbliche Absicht, die Gesundheit der Spieler zu schützen. «Aber das war too much», so der ehemalige GC-Captain.
Für Edimilson Fernandes könnten die Folgen des umstrittenen Platzverweises einschneidend sein. Weil es nicht seine erste Rote Karte der Saison ist. Anfang August hatte er den Lausanner Karim Sow mit offener Sohle am Oberschenkel getroffen.
Bleibt die Swiss Football League in Bezug auf das Strafmass konsequent, muss sich der 30-jährige Mittelfeldakteur auf eine Sperre von vier Spielen einstellen - ein Verdikt, mit dem sich in den letzten Wochen auch schon Thuns Captain Marco Bürki abfinden musste. Sions Fodé Sylla dagegen musste nach seinem zweiten Platzverweis nur zwei Spiele aussetzen.
Dritter Platzverweis in 15 Monaten
So diskutabel die zweite Rote Karte der Saison am Samstag war, Fernandes› Sündenregister belegt, dass der 34-fache Schweizer Internationale den Bogen schon einige Male überspannt hat: Zum dritten Mal schon seit dem Transfer zu den Young Boys im Sommer 2025 sah Fernandes die Rote Karte. Im August 2025, wenige Wochen nach seinem Wechsel, hatte er Basels Dominik Schmid geohrfeigt und war für drei Spiele gesperrt worden.
2019 sah Fernandes in den Trikots von Fiorentina und Mainz je einmal Gelb-Rot. 2023 wurde er im Einsatz für das Nationalteam in der EM-Qualifikation gegen Israel in der Nachspielzeit wegen eines überharten Einsteigens vom Platz gestellt und danach von Nationalcoach Murat Yakin fast ein Jahr nicht mehr und nur noch viermal aufgeboten.
Nicht nur wegen der Disziplinlosigkeiten und der bisweilen kopflosen Zweikampfführung, aber auch darum geniesst Fernandes bei den Anhängern der Young Boys 15 Monate nach seinem festen Transfer noch nicht den vollen Rückhalt.