«Ich hoffe wirklich, dass dies endlich das Jahr der Schweiz wird»
Dan Tangnes wäre am Samstag gerne am Halbfinal zwischen der Schweiz und seinem Heimatland Norwegen vor Ort in Zürich, er ist jedoch gerade mit seiner Familie in Rom - «eine schlechte Planung von meiner Seite», sagt der 47-Jährige im Telefongespräch mit Keystone-SDA. Tangnes arbeitete sieben Jahre für den EV Zug und führte die Zentralschweizer zu zwei Meistertiteln. Deswegen fühlt er sich auch mit der Schweiz verbunden.
«Es sind jene beiden Teams, denen ich die Daumen drücke. Mein Herz sagt Norwegen, aber realistisch gesehen denke ich, dass die Schweiz in den Final einziehen wird», sagt Tangnes. «Ich hoffe wirklich, dass dies das Jahr der Schweiz wird, in dem sie endlich den Titel gewinnen können, denn das ist ihre goldene Generation. Sie arbeiten seit Jahren auf dieses Ziel hin.»
Was Norwegen betrifft, bezeichnete Tangnes schon den Einzug in die Viertelfinals als «riesigen Erfolg». Zuletzt war ihnen das 2012 gelungen. Insgesamt war es das vierte Mal, wobei die Halbfinals, die dank eines 2:0 gegen Lettland erreicht wurden, eine Premiere sind. Zwar klassierten sich die Skandinavier an der WM 1951 auf dem 4. Platz, damals nahmen allerdings nur sieben Teams teil und spielte jeder gegen jeden.
Zwei Erstrunden-Drafts 2024
Völlig aus dem Nichts kommt der Erfolg indes nicht. In den NHL-Drafts 2024 und 2025 wurden fünf Norweger berücksichtigt, unter ihnen Michael Brandsegg-Nygard und Stian Solberg, die 2024 in der ersten Runde als Nummer 15 respektive 23 gezogen wurden. Auch der 18-jährige Stürmer Tinus Luc Koblar kam vor einem Jahr als 64. ziemlich früh an die Reihe - er weist an diesem Turnier die beste Plus-Minus-Bilanz (+8) seiner Equipe auf. Bester Torschütze des Teams ist mit sechs Treffern der 21-jährige Noah Steen, der einen Vertrag bei den Tampa Bay Lightning besitzt.
Für Tangnes sind die Jahrgänge 2005 bis 2007 in Norwegen «eine Art goldene Generation, und ich glaube, dass auch 2008 für Norwegen ein starker Jahrgang wird.» An der U18-WM 2025 setzten sich die Skandinavier im Abstiegsspiel gegen die Schweiz im Penaltyschiessen durch.
Talente zieht es früh nach Schweden
Ein Grund für die gute Entwicklung ist, dass viele Nachwuchsspieler das Land nun früher verlassen und sich in Schweden weiterentwickeln. Dort wird im Juniorenbereich bekanntlich vorzügliche Arbeit geleistet. Tangnes hebt auch Tobias Johansson hervor, der von 2022 bis 2025 das Nationalteam coachte und von 2021 bis 2025 als Verantwortlicher für die Spielerentwicklung im norwegischen Verband tätig war. «Er hat die jungen Spieler an die A-Nationalmannschaft herangeführt, sodass sie früh Erfahrungen bei den Männern sammeln konnten», so Tangnes.
Als General Manager beim Nationalteam amtet seit dieser Saison der einstige NHL-Spieler Patrick Thoresen, der zudem je ein Jahr bei Lugano und den ZSC Lions tätig war. Der Headcoach ist dessen Vater Petter, der schon von 2016 bis 2022 die Verantwortung für das Team hatte. «Die beiden haben meiner Meinung nach einen grossen Anteil daran, dass diese Mannschaft eine Siegermentalität entwickelt hat», sagt Tangnes. In der Vorrunde wurden unter anderem Schweden (3:2) und Tschechien (4:1) bezwungen, gegen Kanada ging die Partie erst in der Verlängerung (5:6) verloren.
Wichtige Aufmerksamkeit
Tangnes freut sich, dass Eishockey, das in Norwegen eine kleine Sportart sei, nun ein grosses Thema in den Medien ist. «Von den Zuschauerzahlen her ist Eishockey ein grosser Sport. Obwohl viele Leute an die Spiele gehen, bekommt es in den Medien aber nicht jene Anerkennung, die es verdient hätte.» Nun stehe es gerade voll im Rampenlicht, alle seien total begeistert.
Diese Aufmerksamkeit ist für Tangnes notwendig, «denn das wird bei jungen Spielern mehr Interesse wecken, mit dem Eishockey anzufangen, anstatt Ski zu fahren oder andere Sportarten zu betreiben, die in Norwegen sehr beliebt sind.» Ausserdem sei es wichtig, mehr Eisbahnen zu bauen. «Ich glaube, allein in Stockholm gibt es mehr Eisbahnen als in ganz Norwegen - und das ist ein reiches Land, also sollte das möglich sein.»
Ohnehin hat Norwegen mit dem Halbfinaleinzug ein Märchen geschrieben, und die Schweizer tun gut daran, das Team nicht zu unterschätzen. Tangnes wird derweil in Rom mitfiebern.