Lichtsteiners rasanter Aufstieg von der Provinz ins Rampenlicht
Es ist ein Bild, das sich ins kollektive Schweizer Fussballgedächtnis eingebrannt hat. Als das Schweizer Nationalteam an der WM 2018 in Kaliningrad ein äusserst emotionales Duell in der Vorrunde gegen Serbien 2:1 für sich entscheidet, feiern Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri ihre Treffer mit der «Doppeladler»-Geste. Auch Captain Stephan Lichtsteiner kreuzt seine Hände vor der Brust und zeigt sich damit solidarisch mit seinen beiden Mitspielern, die in den Vortagen aufgrund ihrer kosovarischen Wurzeln diverse Provokationen und Beleidigungen aus dem serbischen Lager hatten zu hören bekommen.
Am frühen Mittwochnachmittag rücken Lichtsteiner und Shaqiri wieder in den Fokus, jedoch in einem deutlich weniger politisch und emotional aufgeladenen Rahmen als damals im Juni vor gut sieben Jahren an der Ostsee.
Die beiden sitzen im Medienzentrum des St. Jakob-Parks in Basel, Lichtsteiner links, Shaqiri rechts. Der eine, Shaqiri, ist immer noch als Spieler aktiv und hat am vergangenen Sonntag mit drei Toren und einer Vorlage gegen den FC Zürich zum wiederholten Mal seine Sonderklasse präsentiert. Der andere, Lichtsteiner, hat seine Fussballschuhe schon vor fünfeinhalb Jahren an den Nagel gehängt und seine zweite Karriere als Trainer lanciert.
Die Frage nach der Wohnung
Eigentlich hätte es ein geruhsamer Wechsel vom Spielfeld an die Seitenlinie werden sollen. Beim FC Wettswil-Bonstetten in der 1. Liga sammelte er seit Sommer 2024 erste Erfahrungen als Cheftrainer im Männerfussball, nachdem er zuvor beim Schweizerischen Fussballverband und beim FC Basel ausschliesslich im Juniorenbereich gearbeitet hatte.
Am 22. November 2025 verabschiedete Lichtsteiner seine Spieler auf dem Sportplatz Moos nach einem 3:1-Sieg gegen Dietikon in die lange Winterpause. In diesen Tagen hätte die Vorbereitung auf die Rückrunde starten sollen, ehe einen Monat später die Meisterschaft mit einem Auswärtsspiel in Freienbach fortgesetzt worden wäre.
«Im Fussball geht es manchmal schnell», sagt Lichtsteiner und bemüht damit einen Satz, den jeder mediengestählte Fussballprofi im Repertoire hat. Schon zum zweiten Mal innert zwei Tagen sitzt er auf dem Podium im Bauch des Basler Stadions und sieht sich einer Schar Medienschaffender gegenüber, die allerhand von ihm wissen wollen.
Wie es überhaupt dazu gekommen ist, dass er jetzt nicht mehr im Säuliamt sondern vielmehr im vielzitierten Haifischbecken des Schweizer Klubfussballs coacht, zum Beispiel. Oder ob er, der die grössten Erfolge seiner Karriere mit Juventus Turin gefeiert, sieben Mal den italienischen Scudetto gewonnen und in zwei Finals der Champions League gespielt hat, denn auch italienisch geprägten Fussball spielen lassen wolle und die Fans künftig Catenaccio zu sehen bekämen. Oder ob er mit seiner Familie nun von Zürich nach Basel ziehen werde.
Bei letzterer Thematik stellt Lichtsteiner die Gegenfrage: «Willst du mir eine Wohnung vermitteln?», fragt er und sorgt einerseits für Lacher, andererseits aber auch für Verwunderung. Ein Medienschaffender sagt, er sei «erschrocken», als er den neuen Trainer des FCB habe einen Spruch machen hören.
Die Vergleiche mit Guardiola und Kompany
Denn Lichtsteiner hat sich in der Szene keinen Namen als Sprücheklopfer gemacht. Eher als akribischer Arbeiter, der dem Erfolg alles unterordnet. Es ist ein Wesenszug, der in Lichtsteiners Karriere auch schon dazu geführt hat, dass er als verbissen und knorrig dargestellt wurde. Er weiss das, sagt aber: «Ich bin jetzt schon lange verheiratet und habe zwei Kinder. So ein schlechter Mensch kann ich wohl nicht sein.»
Daniel Stucki spricht lieber von «Winnermentalität», wenn er seinen neusten Mitarbeitenden umschreibt. Der Basler Sportchef hatte Lichtsteiner schon lange auf dem Radar, schliesslich sammelte dieser seine ersten Erfahrungen als Trainer in der Juniorenabteilung des FC Basel. Und eigentlich hatte Stucki die Idee, Lichtsteiner irgendeinmal die U-21 übernehmen zu lassen und so geruhsam an die Aufgaben in der ersten Mannschaft heranzuführen. Doch nach der Entlassung von Ludovic Magnin am Montag stieg der langjährige Captain der Nationalmannschaft unerwartet schnell auf den wohl heissesten aller Schweizer Trainerstühle.
Stucki weiss, dass Lichtsteiner noch über keinerlei Erfahrung auf dieser Stufe als Trainer verfügt. Und er weiss auch, dass allfällige Kritik bei Misserfolgen nicht zuletzt auch auf ihn zurückfallen würde, der dann innert Kürze in der Trainerfrage zweimal danebengelegen wäre. Aber der 44-Jährige kennt natürlich auch die positiven Beispiele. Pep Guardiola und Vincent Kompany, die ohne viel Erfahrung mit Barcelona und Bayern München Klubs von Weltformat erfolgreich übernahmen.
Die Betonung des «langfristigen Projekts»
Es sind grosse Namen, mit denen Stephan Lichtsteiner zumindest indirekt verglichen wird. Und obwohl die sportliche Führung von einem «langfristigen Projekt» spricht, weiss Lichtsteiner, dass er seine mangelnde Erfahrung im erfolgsgetriebenen Umfeld am Rhein nur mit guten Resultaten wird kaschieren können. Anders als Vorgänger Magnin erhält er mit Pascal Bader im Staff eine Vertrauensperson zur Unterstützung.
Lichtsteiner, der im Sommer die letzten Prüfungen und Stages für die UEFA-Pro-Lizenz absolvieren wird, sagt: «Ich habe mich immer an Titeln gemessen. Deshalb habe ich kein Problem, mit Druck umzugehen. Ansonsten unterschreibt man nicht beim FC Basel.» Es zeigt das Selbstbewusstsein, mit dem Lichtsteiner ins Profigeschäft als Trainer steigt. Und doch ist der Einstieg steil, und es geht von der ersten Sekunde an um viel.
Ehe in der Meisterschaft gegen Leader Thun und im Cup gegen St. Gallen wohl wegweisende Partien anstehen, empfangen die Basler am Donnerstag zum Abschluss der Ligaphase der Europa League Viktoria Pilsen. Ein Sieg ist Pflicht, um sich zumindest eine theoretische Chance auf ein Weiterkommen zu wahren.