Manuel Zehnder meldet sich nach seiner Knieverletzung zurück
Der Schrei von Manuel Zehnder nach einer unglücklichen Bewegung geht unter die Haut. Es ist sofort klar, dass er länger nicht mehr Handball spielen wird - unter anderem reisst er sich das Kreuzband im linken Knie. Das war vor einem Jahr am Yellow Cup.
Nun sitzt der Regisseur des Schweizer Nationalteams im Bus in Richtung Bürgenstock. Wellness steht auf dem Programm, bevor das Team am Mittwoch von Stans nach Winterthur disloziert. Dort holt es sich von Donnerstag bis Samstag am Yellow Cup den letzten Schliff für die in der kommenden Woche beginnenden EM-Endrunde.
Vor dem Ausflug steht noch ein Arzttermin an - eine routinemässige Abschlusskontrolle. Im vor knapp einem Jahr operierten Knie ist alles so, wie es sein soll, er darf wieder alles mitmachen. Einem Comeback steht nichts im Weg, dennoch soll er behutsam herangeführt werden, denn ein Spiel ist nochmal etwas anderes als ein Training.
An Baustellen gearbeitet
Zehnder ist keiner der hadert, nach dem ersten Schock schaute er rasch vorwärts. «Ich konnte extrem viel Positives mitnehmen aus dem letzten Jahr», sagt er im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. «Ich hatte Zeit, an Baustellen zu arbeiten und mich in anderen Bereichen weiterzuentwickeln. Das hat mir sehr geholfen.»
Neben Kraft und allgemeiner Athletik widmete sich der 26-Jährige auch intensiv dem mentalen Bereich - gemeinsam mit einer Sportpsychologin. Zudem machte er Hypnose-Therapien, in denen er sein Unterbewusstsein darauf trainierte, wie er in gewissen Situationen reagieren möchte.
Das erste halbe Jahr der Reha verbrachte Zehnder in der Schweiz, danach ging er zurück nach Magdeburg, wobei er die «ersten zehn bis elf Monate» vorwiegend individuell absolvierte. Erst ab Dezember nahm er an gewissen Teilen im Mannschaftstraining wieder richtig teil, zuvor waren lediglich Übungen ohne Körperkontakt möglich.
Wechsel nach Dänemark
Magdeburg ist aktuell wohl das beste Klubteam der Welt. Mitte Juni gewannen die Ostdeutschen die Champions League, in der Bundesliga führen sie die Tabelle nach 17 Siegen und zwei Unentschieden in 19 Partien mit fünf Punkten Vorsprung an. Dennoch entschied sich Zehnder gegen einen Verbleib und wechselt nach der Saison nach Dänemark zu GOG Gudme.
Zehnder: «Magdeburg hätte mich gerne behalten und ich konnte es mir zunächst vorstellen, dort zu bleiben. Aber wenn man ehrlich ist, ist es nach einer solchen Verletzung schwierig, in einer solch gestandenen Mannschaft direkt wieder Fuss zu fassen. Ich war realistisch und nutzte die Chance, die GOG mir bot. Dort weiss ich, dass ich sicher viel Einsatzzeit bekommen werde. Das ist in meinem Alter extrem wichtig.» Gegen einen Wechsel innerhalb von Deutschland entschied er sich, weil er vor Magdeburg schon für Erlangen und Eisenach gespielt hatte. Deshalb wolle er mal etwas anderes sehen, sagt Zehnder.
Gibt es diesmal Freudenschreie?
Zunächst möchte der Torschützenkönig der Bundesliga-Saison 2023/24 aber mit der Schweiz brillieren. Am Yellow Cup trifft das Team von Trainer Andy Schmid der Reihe nach auf die Ukraine, Bahrain und Nordmazedonien. «Aufgrund unserer Fortschritte sollten das alles Gegner sein, die wir bezwingen müssen», gibt sich Zehnder selbstbewusst.
Tatsächlich lassen die Leistungen der Schweizer einiges erhoffen, auch an der EM, an der sie in der Gruppenphase in Oslo auf die Färöer (16. Januar), Slowenien (18. Januar) und Montenegro (20. Januar) treffen. Mit dem 11. Rang an der letztjährigen WM haben sie bewiesen, dass sie ohne Zehnder, den wichtigsten Spieler im Angriff, bestehen können. «Immer mehr Junge wagen den Schritt ins Ausland und setzen sich dort zunehmend durch», so Zehnder. «Wir haben mittlerweile ein gutes und breites Kader. Das ist eine extrem positive Entwicklung, die wir in der Schweiz beobachten. Von daher müssen unsere Ambitionen steigen. Es sollte für uns in Zukunft selbstverständlich sein, dass wir an Endrunden dabei sind und dann dort auch weiterkommen.»
Dass Zehnder sein Comeback an jenem Ort geben dürfte, an dem er sich verletzt hat, findet er gut - «eigentlich bin ich fast froh, dass es dort wieder beginnt.» Und diesmal soll es Freudenschreie geben.