Seit fast 70 Jahren nur ein Schweizer Sieg
Beim letzten Aufeinandertreffen wäre die Überraschung fast gelungen: An der EM 2024 führte die Schweiz gegen Gastgeber Deutschland dank eines Treffers von Dan Ndoye bis in die Nachspielzeit 1:0, ehe Niclas Füllkrug in der 92. Minute doch noch ausglich. Das Spiel zeigte: Die ehemals klare Rollenverteilung zwischen den beiden Ländern hat sich aufgeweicht. Auch die beiden Pflichtspiele zuvor, im Rahmen der Nations League im Herbst 2020, endeten jeweils unentschieden. Die letzte Niederlage gegen Deutschland liegt somit bereits 18 Jahre zurück.
Dennoch bleibt festzuhalten, dass die Schweiz nur eines der letzten 22 Duelle gewinnen konnte. Insgesamt stehen nach 54 Begegnungen neun Siege, neun Unentschieden und 36 Niederlagen zu Buche. Nun kommt es zum 55. Duell mit dem grossen Nachbarn - und die Vorzeichen sind aus Schweizer Sicht nicht schlecht.
Pro: Grosses Selbstvertrauen
Das Schweizer Nationalteam blickt auf ein Jahr ohne Niederlage zurück: In zehn Spielen gab es sieben Siege und drei Unentschieden. Die WM-Qualifikation, in der Duelle auf Augenhöhe erwartet wurden, meisterte die Mannschaft von Murat Yakin souverän. Nach einer schwierigen Phase unmittelbar nach der EM 2024 hat sich ein neues Selbstverständnis entwickelt. Die Spieler rücken sichtbar gerne ins Nationalteam ein. Entsprechend formuliert Yakin mit Blick auf den Sommer selbstbewusst: «Ziel ist es, die beste WM einer Schweizer Nati zu spielen.»
In Deutschland hingegen wurde nach drei Niederlagen in Serie vieles infrage gestellt. Trainer Julian Nagelsmann sprach gar von einem «Bruch», sein Team sei vom «guten Weg» abgekommen. Allerdings folgte zuletzt eine klare Reaktion mit fünf Siegen in Folge.
Pro: Die Eingespieltheit
Nach einer Phase der Experimente setzt Yakin seit rund einem Jahr auf bewährte Kräfte. Während der WM-Qualifikation gab es kaum personelle Wechsel. Die Spieler kennen sich sowie ihre jeweiligen Stärken und Schwächen bestens, Automatismen konnten sich festigen. Auf Nationalteam-Stufe, wo pro Zusammenzug nur wenig Zeit für taktische Schulungen bleibt, ist das ein entscheidender Vorteil.
Bei Deutschland hingegen gab es vor und während der WM-Qualifikation immer wieder personelle und taktische Anpassungen. Anders als Yakin hat Nagelsmann sein WM-Grundgerüst noch nicht endgültig gefunden.
Pro: Der Heimvorteil
Es dürfte stimmungsvoll werden: Das Spiel im Basler St. Jakob-Park ist ausverkauft. In diesem Stadion ist die Schweiz seit zwölf Spielen ungeschlagen, zuletzt gab es klare Siege gegen Slowenien (3:0) und Kosovo (4:0). Auch bei den letzten beiden Duellen mit Deutschland in Basel machten die Schweizer eine gute Figur: 2020 resultierte in der Nations League mit Chancenplus ein 1:1, und 2012 feierte die Schweiz beim 5:3 im Testspiel den einzigen Sieg gegen den grossen Nachbarn seit 1956.
Deutschland tat sich auswärts zuletzt schwer. Nach den Spielen in Nordirland und Luxemburg gab es trotz knapper Siege viel Kritik - und nach der 0:2-Niederlage in der Slowakei erst recht.
Kontra: Formstand der Schlüsselspieler
Mehrere Schweizer Leistungsträger hatten zuletzt Schwierigkeiten in ihren Klubs. Vor allem die Offensivspieler taten sich schwer: Breel Embolo und Dan Ndoye sassen häufig auf der Ersatzbank und kamen eher als Joker zum Einsatz. Ruben Vargas fehlt es derweil an Spielpraxis, seit Ende November absolvierte er aufgrund zweier Verletzungen nur drei Einsätze. Nicht ganz so lange fehlte Captain Granit Xhaka, doch auch bei ihm stellt sich die Frage, wie intensiv er das Testspiel nach seiner im Januar erlittenen Knöchelverletzung bestreiten kann.
Bei Deutschland fehlt mit Jamal Musiala ein Schlüsselspieler der Offensive, dafür sind mit Kai Havertz und Antonio Rüdiger zwei Vize-Captains ins Team zurückgekehrt. Angeführt wird die Mannschaft von Joshua Kimmich, der beim FC Bayern konstant starke Leistungen zeigt.
Kontra: Die mangelnde Breite
Dass Yakin zuletzt nahezu immer denselben Spielern vertraute, hat auch einen anderen Grund: Je nach Position fehlen schlicht Alternativen. So steht ihm aktuell mit Silvan Widmer nur ein Rechtsverteidiger und mit Breel Embolo nur eine Sturmspitze zur Verfügung. Zwar könnte auch der nachnominierte Noah Okafor im Angriffszentrum spielen, doch muss er zunächst wieder ins Team finden. Zudem ist unklar, wie fit er nach seiner Verletzung ist. Es könnte daher, wie von Yakin angekündigt, zum einen oder anderen Experiment kommen.
Auch Nagelsmann war wiederholt zu Anpassungen gezwungen, verfügt jedoch über eine deutlich grössere Auswahl. Den Luxus, Bayern-Spieler auf die Ersatzbank zu setzen, haben die Schweizer nicht.
Kontra: Lange kein Härtetest mehr
Die Schweizer Defensive präsentierte sich zuletzt stabil, allerdings fehlte im vergangenen Jahr der echte Härtetest. In der Nations League, als die Gegner Spanien, Serbien und Dänemark hiessen, sah das noch anders aus: In sechs Partien kassierte die Schweiz 14 Gegentore. Nun steht erstmals wieder ein Gegner dieses Kalibers bevor. Statt das Spiel zu kontrollieren, dürfte vermehrt Abwehrarbeit gefragt sein.
Deutschland hatte in seiner Qualifikationsgruppe zwar ebenfalls keine Topgegner, spielte zuvor jedoch im Final Four der Nations League. Über einen längeren Zeitraum hinweg präsentierte sich das DFB-Team konstanter als die Schweiz.