Vom Schweizer, der verliert, zum Champion
Selten definierten Niederlagen einen Champion so sehr wie bei Stan Wawrinka. «Ich bin der Schweizer, der verliert», pflegte der 1985, vier Jahre nach Roger Federer, geborene Waadtländer zu Beginn seiner Karriere mit Blick auf seinen alles dominierenden Landsmann zu sagen. Und auf seinen Unterarm liess er sich Worte des irischen Literatur-Nobelpreisträgers Samuel Beckett tätowieren.
«Ever tried. Ever failed. No matter. Try Again. Fail again. Fail better.» Immer gescheitert, egal, versuch es wieder, scheitere wieder, scheitere besser. Tatsächlich war es eine dieser «besseren» Niederlagen, die in Wawrinka den Glauben nährten, zu noch Grösserem fähig zu sein. Er hatte schon 2008 einmal für ein paar Monate die Top Ten erreicht, war im gleichen Jahr an der Seite von Federer Doppel-Olympiasieger geworden, bewegte sich aber mehrheitlich als solider ATP-Profi um Position 20 der Weltrangliste herum. Hätte seine Karriere da geendet, Wawrinka wäre als viertbester Schweizer nach Federer, Marc Rosset und Jakob Hlasek in die Geschichte eingegangen.
Dann verlor er im Januar 2013 im Achtelfinal des Australian Open eine epische, über fünf Stunden dauernde Partie gegen die Weltnummer 1 Novak Djokovic 10:12 im fünften Satz. Wawrinka sprach danach vom besten Spiel seines Lebens, doch dabei wollte er es nicht bleiben lassen. Mit seinem neuen Coach Magnus Norman machte er sich auf in neue Sphären. Ein Jahr später bezwang er ebendiesen Djokovic 9:7 im fünften Satz und gewann ein paar Tage später gegen Rafael Nadal tatsächlich seinen ersten Grand-Slam-Titel.
Zum Schweizer des Jahres gewählt
Die Schlagzeilen gehörten für einmal Stanislas Wawrinka, der seinen Namen kurz darauf werbewirksam zu Stan verkürzte, und nicht Federer, Nadal oder Djokovic. Der Lausanner war in der Folge die treibende Kraft auf dem Weg zum Davis-Cup-Titel der Schweiz, sein Durchbruch auf höchster Ebene überzeugte auch Federer, dass dieser Teamerfolg möglich ist. Spätestens da hatte er sich in die Herzen der Menschen gespielt, er wurde nicht nur Sportler des Jahres, sondern auch «Schweizer des Jahres».
2015 triumphierte Wawrinka in einem grandiosen Final, in dem er Djokovic regelrecht vom Platz fegte, bei seinem Lieblingsturnier in Paris, das er bereits als Junior gewonnen hatte. 2016 folgte das US Open, erneut mit einem Finalsieg gegen Djokovic. Einzig auf dem Rasen von Wimbledon fühlte sich der nicht so leichtfüssige Kraftathlet nie ganz wohl und schaffte es nicht über die Viertelfinals hinaus.
Federer als Fluch und Segen
Das Palmares Wawrinkas kommt nicht an dem von Federer vorbei. Der Schweizer Jahrhundertsportler war für «Stan the Man» Fluch und Segen zugleich. Alles, was beim Maestro so beschwingt und einfach aussah, war bei Wawrinka ein K(r)ampf. Er schwebte nicht über den Platz, er arbeitete seine Gegner mit seiner Wucht und seinem eisernen Willen weg. Er war nicht sprachgewandt und der Traum jedes Werbers, und seine Ehe hielt dem Stress des Profizirkus nicht stand. Aber für manche Fans war Wawrinka der Nahbarere, bei dessen Leiden sich Otto Normalverbraucher näher fühlte als mit dem Überflieger Federer.
Unbestritten ist auch, dass Wawrinka von Federer enorm profitieren konnte. Er trainierte oft mit ihm, konnte sich viel von der Professionalität und Akribie des Baslers abschauen und nahm dessen Tipps gerne an. Der Vergleich mit Federer fiel oft unvorteilhaft aus, doch in dessen Schatten konnte er sich auch ohne übermässigen Druck entwickeln. Das Schweizer Tennis profitierte enorm davon, dass die beiden stets ein gutes und beiderseitig respektvolles Verhältnis pflegten, nicht wie beispielsweise Jimmy Connors und John McEnroe oder Boris Becker und Michael Stich, wo der etablierte Star das Rampenlicht nicht teilen wollte. Dazu passt, dass Federer seinem Landsmann am 19. Dezember bei dessen Abschiedsspektakel in Genf den verdienten Respekt erweisen wird.
Das Ende von Wawrinkas ist Karriere war geprägt von Verletzungssorgen, wie sie in einem Abnützungssport wie Tennis für die Kategorie Ü35 - respektive bereits Ü40 - fast unabdingbar ist. Nach zwei Operationen wegen eines Knorpelschadens im Knie fand Wawrinka nie mehr zum alten Niveau zurück. Dank seinem Einsatz schaffte er es 2023 immerhin nochmal in die Top 50, der Wunsch nach einem letzten Turniersieg - auf welcher Stufe auch immer - bleibt unerfüllt. Doch auch in seinem letzten Jahr - auf einer Art Abschiedstournee - glänzte er noch mit vollem Einsatz. Er war nie chancenlos, gewann aber die knappen Matches nicht mehr.
Die Fans dankten ihm mit stehenden Ovationen von Australien bis New York. In Basel wird dies auch bei seinem letzten Turnier noch einmal so sein, bei einer Ehrung und Hommage am Montagabend und - mindestens - noch einmal am Dienstag gegen Jiri Lehecka als Spieler.
Von Djokovic geadelt
Es ist in einer Karriere, in der er angesichts fast übermässiger Konkurrenz viel mehr herausgeholt als erwartet werden durfte, eine Randnotiz. Der einst wegen des angeblich fehlenden Killerinstinkts als «Rudolf-Steiner-Schüler» etwas belächelte Wawrinka, der auf einem Bio-Bauernhof für die Integration behinderter Menschen in Lucien Favres Heimatdorf Saint-Barthélemy aufwuchs, hat in der Sportwelt einen grossen Fussabdruck hinterlassen.
Vor zwei Jahren sagte Rekordsieger Novak Djokovic über Wawrinka: «Er hat mir drei Grand-Slam-Siege geklaut.» Ein grösseres Lob kann es kaum geben.