«Bevor er uns alle zerstört...»
An einem Minderwertigkeitskomplex leidet Paul Seixas bestimmt nicht. Muss er auch nicht. Vor der WM in Montreal spuckte der junge Mann aus Lyon grosse Töne. «Alles andere als der Titel wäre eine Enttäuschung», posaunte er da in die Welt hinaus. Und implodierte in der Schlussphase mit Krämpfen förmlich. «Ein Anfängerfehler», ging der 20-jährige Franzose anschliessend hart mit sich ins Gericht. Er habe zu wenig getrunken und seinen Energiehaushalt nicht im Griff gehabt.
Doch Seixas lernt schnell. Am Samstag an der Lombardei-Rundfahrt tritt er 20 km vor dem Ziel in Como im ruppigen Anstieg auf den Civiglio an und zieht unwiderstehlich davon. Er krönt damit sechzehn Tage nach seinem 20. Geburtstag eine herausragende zweite Saison bei den Profis. Einer ist davon nicht überrascht: Tadej Pogacar.
Früher dran als Pogacar
Der grosse Abwesende des Herbstklassikers, der seine Saison nach einem schweren Sturz an der Vuelta beenden musste, hatte bereits im Frühling nach seinem Sieg bei Lüttich-Bastogne-Lüttich (vor Seixas) prophezeit: «Ich muss die Zeit nutzen, bevor er uns alle zerstört.» Ein grösseres Lob, als die Warnung aus dem Mund des selber erst 28-jährigen Dominators der letzten Jahre kann es kaum geben. Seixas selber bezeichnet seine Saison nach dem Triumph in Como als «fantastisch».
Er gewann acht Rennen, darunter die Flèche Wallonne und die Baskenland-Rundfahrt. In Lüttich und bei den Strade Bianche wurde er hinter Pogacar Zweiter, und bei seiner ersten Teilnahme an der Tour de France - als jüngster Fahrer seit 1937 - belegte er den 4. Platz. Nun ist er nach der 120. Ausgabe jüngster Sieger in der Geschichte der Lombardei-Rundfahrt, er ist noch zwei Jahre jünger als Pogacar bei dessen erstem (von mittlerweile dreizehn) Erfolgen bei einem der fünf Radsport-Monumente.
Altersrekorde ziemlich egal
Mit den Altersrekorden kann Seixas allerdings nicht viel anfangen. «Ehrlich gesagt, das ist mir ziemlich egal», meint er am Samstag an der Medienkonferenz nach dem Sieg. «Ich will einfach gewinnen. Ich hatte unglaublich gute Beine und habe ein Monument gewonnen. Das ist einfach schön, das ist das, was ich mitnehme.» Er ist selbstbewusst, bleibt aber auch auf dem Boden. «Hätte mir jemand vor dieser Saison gesagt, was ich erreichen würde, wäre ich sehr überrascht gewesen», gibt er offen zu. «Es fühlt sicher ein wenig wie ein Traum an.»
Seixas betont aber auch: «Das kommt nicht von alleine, da steckt ganz viel Arbeit dahinter.» Manchmal funktioniere es, manchmal mache man Fehler. «Und das macht die Siege umso schöner.» Sieht er sich schon bald auf einer Höhe mit Tadej Pogacar? Der mittlerweile an der Côte d'Azur in Nizza wohnhafte Seixas schüttelt den Kopf. «Ich sehe mich jetzt nicht unbedingt als Nummer 2 hinter Tadej», versichert er. «Er ist der Beste, das ist klar. Aber es gibt noch viele andere grossartige Fahrer, ich will mich da nicht vergleichen.»
Aber er will einst der Beste sein? «Das ist korrekt», bestätigt der Franzose, von dem seine Landsleute hoffen, dass er ihre mehr als 40-jährige Durststrecke seit Bernard Hinaults letztem Sieg an der Tour de France beenden kann. So weit denkt Seixas noch nicht. «Ich lebe im Moment. Ein Monument zu gewinnen, ist ein Traum. Pogacar zu schlagen nochmals etwas ganz anderes», betont er. Er träume davon, der Beste zu sein. «Vielleicht werde ich es nicht schaffen. Aber nur, wenn man es nicht versucht, wird man mit Sicherheit scheitern.»
Zur Feier aufs Mountainbike
Die Offenheit von Seixas ist erfrischend, ebenso wie seine augenscheinliche Liebe für den Radsport. Sein Plan für den Tag nach seinem grössten Erfolg? «Ich werde noch heute (am Samstag) nach Nizza zurückfahren, denn ich habe mich für das Roc d'Azur angemeldet», verrät er gegenüber französischen Journalisten.
Er habe sich am Freitag dafür entschieden, zusammen mit Bruno Armirail, mit dem er letztes Jahr WM-Silber im Mixed-Team gewonnen hatte, anzutreten. Das Roc d'Azur ist ein jährlich stattfindendes Mountainbike-Rennen mit insgesamt rund 20'000 Teilnehmern über 55 km.