Der Halbfinal entscheidet über Thomas Tuchels Akzeptanz in England
Wenn kurz vor dem WM-Halbfinal gegen Argentinien alle Engländer leidenschaftlich «God save the King» singen, wird Thomas Tuchel an der Seitenlinie wohl wieder andächtig schweigen. Womöglich zum letzten Mal. Denn vor dem WM-Start hatte der deutsche Trainer verraten, er wolle erst «ganz zum Schluss» die englische Nationalhymne mitsingen. Also beim Final am 19. Juli.
Sollte es so kommen, würden das wohl nur wenige Engländer als befremdlich empfinden. Denn dann stünden die Three Lions erstmals seit dem Triumph beim Heimturnier 1966 wieder in einem WM-Final - und Tuchel hätte sie als Nationaltrainer dorthin geführt.
Doch Tuchel weiss auch: Bei einer Niederlage im Halbfinal am Mittwoch (21.00 Uhr Schweizer Zeit) in Atlanta gegen Weltmeister Argentinien mit Lionel Messi würde die Anerkennung, die er sich vor allem während der WM beim englischen Fussballvolk erarbeitet hat, schnell wieder in Zweifel und Kritik umschwenken. Schliesslich hätte er es dann nicht besser gemacht als sein Vorgänger Gareth Southgate 2018.
«Möchte nirgendwo anders auf der Welt sein»
«Es ist intensiv», sagt der frühere Dortmund-, Bayern-, PSG- und Chelsea-Coach über seine erste Weltmeisterschaft. Alles, was er tut und sagt, wird von den teils berüchtigten englischen Medien und zahlreichen Experten des Landes unter die Lupe genommen. Doch damit hat er sich arrangiert. «Ich fühle mich sehr lebendig in diesen Momenten. Das ist, wo ich sein möchte. Ich möchte nirgendwo anders auf der Welt sein.»
Vor allem die nervenaufreibenden K.o.-Spiele geben ihm einen Adrenalin-Kick. Diese «emotionale Achterbahnfahrt» erleben zu dürfen, sei «ein neues Level». Vielleicht ist damit auch sein kleiner Wutausbruch auf die (deplatzierte) Mentalitäts-Frage unmittelbar nach dem schmeichelhaften Viertelfinalsieg gegen Norwegen zu erklären. In England kam das gut an: Da kämpft jemand wie ein Löwe für die Three Lions.
Ansonsten aber lächelt der 52-Jährige viel. Er wirkt zufrieden und agiert trotz des immensen Titeldrucks entspannter als teilweise zu seiner Zeit als Klubtrainer von Borussia Dortmund und von Bayern München. Als ihn Verteidiger John Stones in der Kabine mit einer vorgetäuschten Schulterverletzung reinlegte, nahm Tuchel das mit Humor und lachte mit. Das Video ging viral und zeigte die lockere Seite des Perfektionisten.
Verbaler Konter von Bellingham
Dass er das noch immer ist und auch nur schwer aus seiner Haut kann, bewies seine Analyse nach dem Norwegen-Spiel. Tuchel lobte seine Spieler für Einsatz, Teamspirit und Glauben, «das ist reine Mentalität, die kann man in Flaschen abfüllen und verkaufen». Doch er legte auch den Finger in die Wunde und meinte, sein Team habe Glück gehabt, sei nachlässig gewesen und habe viele technische Fehler gemacht.
Das brachte ihm von Führungsspieler Jude Bellingham einen verbalen Konter ein. «Wahrscheinlich weiss er nicht, wie es ist, bei diesen Bedingungen gegen Erling Haaland, Martin Ödegaard, Antonio Nusa und Alexander Sörloth zu spielen», sagte der Profi von Real Madrid: «Man kann nicht jedes Spiel mit 1000 Pässen gewinnen. Manchmal muss man schmutzig gewinnen, das haben wir getan.»
Rückendeckung von Kane
Zwischen Bellingham und Tuchel scheint die Chemie nicht hundertprozentig zu stimmen, doch Tuchel moderiert das Thema bislang geschickt weg. Auch bekommt er - zumindest öffentlich - Unterstützung von Captain Harry Kane. «Er versucht, das Beste aus uns herauszuholen und wir wissen, dass wir noch ein Level besser spielen können», sagte Kane und gab Tuchel in der Sache Recht: «Wir haben das gegen Norwegen nur in Ansätzen gezeigt.»
Auch Siege stärken Tuchel den Rücken. Dass er von 20 Spielen mit England 16 gewonnen hat, macht ihn laut Datenanbieter Opta zum Trainer mit der höchsten Sieg-Quote (ab zehn Spielen) einer europäischen Nation. Die Skepsis um seine Verpflichtung, als zum Beispiel die «Daily Mail» von einem «schwarzen Tag für England» schrieb, weil «bis hin zum Platzwart» alle englisch sein müssten bei den Three Lions, hat er weitestgehend widerlegt.
Doch um auf der Insel wirklich geliebt zu werden, muss Tuchel wohl den Titel holen - und die «sixty years of hurt», also die 60 Jahre des Schmerzes seit dem einzigen WM-Titel, auslöschen. Dann würden die Engländer auch Tuchel «hundertprozentig und bedingungslos» feiern, meinte Jürgen Klopp, dem dort diese Sympathie als früherer Erfolgscoach des FC Liverpool bereits entgegenschlägt.