Goldener Flug und bittere Landung für die Slowenen
Zunächst zum Sieger des Auftakts der Vierschanzentournee: Domen Prevc sprang in einer eigenen Liga, hob zweimal für eine Bestweite ab und landete auch im Gesamtklassement bereits ein gutes Stück weiter vorne als der Rest des Feldes.
17,5 Zähler oder umgerechnet fast 10 m beträgt die Differenz in einem Sport, in dem ab und an auch Zehntelspunkte entscheiden. Erst Prevc, dann lange nichts. Das war von blossem Auge sichtbar. Es ist der grösste Abstand bei einem Tournee-Auftakt seit Gregor Schlierenzauer vor 14 Jahren.
Prevc selbst wirkte dabei erstaunlich unaufgeregt. Kein Siegergebaren, kein Pathos. «Der Körper ist entspannt, der Kopf ist entspannt. Ich mache mein Ding und kann es einfach geniessen», sagte er via Communiqué, das die FIS nach der Medienkonferenz versandte. Die Form des 26-Jährigen wirkt wie eingefroren auf einem Idealzustand, stabil und abrufbar. Sechs Siege und ein zweiter Rang in den letzten sieben Weltcupspringen untermauern diesen Eindruck: Das ist kein Ausreisser nach oben, das ist ein Normalzustand.
«Ich versuche, fokussiert zu bleiben, aber ich muss meine Nerven im Griff haben», ergänzte Prevc, der nach Primoz Peterka im Jahr 1997 und seinem älteren Bruder Peter Prevc im Jahr 2016 als dritter slowenischer Skispringer die Vierschanzentournee gewinnen will. «Ich verspüre keine Euphorie, weil ich weiss, dass sich Dinge schnell wenden können.»
Vorjahressieger als erster Verfolger
Der Österreicher Daniel Tschofenig, Vorjahressieger und als erster Verfolger bereits deutlich distanziert, sprach gegenüber dem TV-Sender Eurosport von einer Realität, die man akzeptieren müsse: «Unglaublich. Das muss man hinnehmen, Domen macht einen extrem guten Job. Wir müssen aktuell auf seine Fehler warten.» Und er machte sich gleich selber Mut: «Wir müssen noch einmal zwei Stockwerke drauflegen, damit wir da hinkommen. Aber es kann so schnell gehen.»
Selbst Stefan Kraft fand gegenüber Österreichs Nachrichtenagentur apa Worte, die eher Bewunderung als Kampfansage sind: Prevc habe eine Form, «die vielleicht noch nie einer gehabt hat. Wenn er so abliefert, wird er nicht zu schlagen sein.»
Anzug drei Millimeter zu lang
Zum Verlierer: Obwohl Prevc schon eine Hand am Goldenen Adler hält, kippte die Stimmung im slowenischen Team abrupt. Timi Zajc, zunächst ex-aequo Zweiter, wurde nachträglich disqualifiziert. Der Grund liegt im Detail: Sein Anzug war am Bein drei Millimeter zu lang. Drei Millimeter, kaum sichtbar, aber regelwidrig.
Der Kontrolleur Mathias Hafele blieb konsequent. «Regel ist Regel. Da kann man keine Ausnahmen machen», erklärte der Tiroler gegenüber apa. Seit dem Anzugskandal bei der WM in Trondheim schaut der Weltverband genauer hin, misst strenger, greift härter durch. Bei der ersten Kontrolle vor dem Wettkampf habe alles gepasst, betont Hafele. «Aber was die Athleten danach mit den Anzügen machen, können wir nicht kontrollieren.» Zajc erhielt eine Gelbe Karte, beim nächsten Vergehen droht eine Sperre.
Für den 25-Jährigen endete der Traum vom perfekten Tournee-Auftakt damit jäh. Statt Podium blieb Frust. Sein Schicksal stand im scharfen Kontrast zu jenem seines Teamkollegen, der an diesem Abend scheinbar über den Dingen schwebte. Der Auftakt der Vierschanzentournee wurde zur slowenischen Momentaufnahme mit unterschiedlichen Gefühlswelten.