HCD-Coach Josh Holden über seine Coaching-Philosophie
Es war keine Liebe auf den ersten Blick, im Gegenteil. Als Josh Holden zum ersten Mal als Coach an der Bande des HC Davos steht, entrollen die Fans ein Banner. Darauf steht: «Als Hassfigur bekannt, zu eusem Headcoach ernannt, Zuger Legende chan jede sii, verdien dir Davoser zsii.» Das war im September 2023.
Der 48-Jährige aus Calgary spielte in der Schweiz bei Fribourg-Gottéron, Langnau und vor allem dem EV Zug, wo er zum Helden, für viele gegnerische Fans aber zur Hassfigur wurde. Dort verdiente er sich nach dem Ende der Spielerkarriere auch seine Sporen als Coach ab, während fünf Saisons war er Assistent von Dan Tangnes, ehe er nach Davos wechselte. Im ersten Jahr führte er die Bündner auf Platz 6 und in die Playoff-Viertelfinals, in der zweiten auf Platz 5 und in die Halbfinals und nun zum Qualifikationssieg und in den ersten Final seit 2015.
Nach dem entscheidenden vierten Sieg im Halbfinal gegen die ZSC Lions nimmt sich Holden Zeit für ein Gespräch mit Keystone-SDA.
Josh Holden, wissen Sie noch, was die HCD-Fans bei Ihrem Antritt schrieben?
(schmunzelt) «Damals habe ich es zunächst nicht realisiert, aber man hat mich darüber aufgeklärt.»
Was dachten Sie damals?
«Ehrlich gesagt, war ich wohl ein wenig naiv. Ich dachte, ich komme einfach nach Davos und helfe diesen Jungs, besser zu werden. Ich wusste schon, dass das etwas Zeit brauchen würde. Mein wichtigstes Ziel war es, hart zu arbeiten und mir den Respekt der Leute zu verdienen.»
War Ihnen denn Ihr Ruf als Spieler bewusst?
(schmunzelt) «Ja und nein. Coaching kommt meiner wahren Natur sicher näher. Als Spieler versuchte ich mich davon zu distanzieren, der Spieler war so etwas wie mein Alter Ego. Du schaffst auf dem Eis eine Kreation, eine Performance, und ja, manche der Dinge, die ich tat, waren provokativ und dazu da, Ärger zu verursachen. Aber als Coach bin ich näher an dem, was ich als Person, als Vater, als Freund von anderen Personen bin. Ich hoffte, die Leute würden diese Seite von mir sehen und nicht, wie ich als Spieler war.»
Sie haben die Fans dann recht schnell von sich überzeugt.
«Ich denke, es war Mitte Dezember der ersten Saison, als wir anfingen, viele Spiele zu gewinnen. Die ersten paar Monate waren hart, doch dann haben wir den Spengler Cup gewonnen. Das war ein Wendepunkt.»
Sie sind gebürtiger Kanadier, machten Ihre Lehrjahre als Coach unter Dan Tangnes. Welche Philosophie liegt Ihnen näher, die kanadische oder die schwedische?
«Ich würde sagen, die europäische liegt mir näher. In Nordamerika ist mehr ‹dump and chase›, den Puck nach vorne schiessen und dann vorchecken. Das europäische Hockey setzt mehr auf Puckbesitz, es ist strategischer. Man versucht, den Gegner aus dem Konzept zu bringen oder Lücken zu finden, das ist der Teil, der mir viel Spass macht. Wir arbeiten nun ein paar Jahre mit den Jungs, und sie wissen, dass wir dann gut sind, wenn wir Schwächen beim Gegner erkennen und diese ausnützen können. Das andere, das mir wichtig ist, ist der Teamgeist. Jeder arbeitet für das Team, aber jeder spielt auch mit Intensität, ein wenig am Limit, aber ohne zu weit zu gehen.»
ZSC-Coach Marco Bayer stellte fest, Ihr Team sei kaum aus dem Gleichgewicht zu bringen, auch Sie selber strahlen grosse Ruhe aus.
«Ich glaube sehr an eine ruhige Präsenz auf der Bank. Wenn ich anfange, die ganze Zeit herumzuschreien, werden das die Spieler spüren, ihr Atem wird schneller, sie klammern den Stock härter, verlieren die weichen Hände. Das ist nicht gut. Wenn die Schiedsrichter etwas tun, die Fans in Zürich Stimmung machen oder die Medien etwas schreiben, lass es hinter dir, geh weiter, es ist vorbei. Wir haben uns in den letzten Jahren ein Motto gegeben: ‹silent warriors› (stille Krieger). Das wollen wir sein.»
In diesem Jahr scheinen Sie die perfekte Kombination gefunden zu haben. Es hätte bis jetzt kaum besser laufen können.
«Sie sagen es. Wir haben uns in eine hervorragende Situation gebracht, in der wir unsere Träume wahrmachen können. Wir haben die Qualifikation gewonnen, den Spengler Cup, viele Jungs haben auch persönlich eine gute Saison. Das ist alles notwendig, um da hinzukommen, wo wir jetzt sind. Aber es bleibt noch einiges zu tun.»
Sie konnten auch Verletzungen gut auffangen, zuletzt von Michael Fora. Wie sieht es bei ihm aus?
«Am besten sagen wir wohl, wir schauen von Tag zu Tag. Er muss nicht operiert werden, das ist gut. Aber richtig gut ist es auch wieder nicht.»
Also kommen die fünf Tage Pause bis zum ersten Finalspiel am Samstag sehr gelegen, nehme ich an. Was machen Sie mit so viel Zeit?
«Die Spieler bekommen zwei Tage frei (Montag und Dienstag). Es war ein harter Kampf, die Jungs brauchen etwas Erholung. Wir treffen uns am Mittwoch wieder, der Donnerstag ist aktive Erholung, am Freitag schauen wir dann den Gameplan für Fribourg an.»
Geben Sie sich selber auch einen Tag frei?
«Ehrlich gesagt, im Kopf dreht es konstant. Wir werden nun sofort anfangen, uns mit Fribourg zu beschäftigen und eine Idee über die Strategie bekommen. (überlegt) Meine Frau war gerade in den USA, ihr Vater wurde 80 Jahre alt. Sie kam am Montag zurück. Es ist schön, ist sie wieder da und können wir ein wenig relaxen.»
Josh Holden ist ein Familienmensch, und er erzählt mit strahlenden Augen. Er hat drei Kinder und einen Stiefsohn, den er als Erwachsener adoptiert hat und der in Arth im Kanton Schwyz wohnt. Die drei Töchter sind 25, 23 und 21 Jahre alt, studieren an der ETH, machen ein Praktikum in einem Anwaltsbüro in Zug und arbeiten bei einem Modedesigner im Kanton St. Gallen. Sie sprechen mittlerweile «mehr Schweizerdeutsch als Englisch», wie Holden sagt.
Sie haben selber auch den Schweizer Pass erhalten. Was ist an Ihnen kanadisch und was schweizerisch?
«(lacht) Ich kam in Teufels Küche, weil ich bei den Olympischen Spielen die Schweiz statt Kanada anfeuerte. Ich habe fast mein halbes Leben hier verbracht.»
Aber im Final waren Sie dann schon für Kanada?
«Auch das ist kompliziert. Meine Frau ist Amerikanerin. Ich war für Kanada, sie für die USA.»
Was mögen Sie speziell an der Schweiz?
«Offensichtlich ist die Lebensqualität wirklich gut. Es gibt Regeln, und die werden respektiert. Meiner Meinung nach ist dies in Nordamerika nicht mehr so. Regeln werden gebogen, es gibt viele Graubereiche. Ich mag die Dinge lieber klar, schwarz und weiss. Hier herrscht mehr Vertrauen, man respektiert die Mitmenschen besser. Das mag ich, das sind gute Leitplanken für das Leben.»
Schauen wir noch kurz auf den Finalgegner. Sind Sie überrascht, dass Fribourg den Halbfinal so einfach gewann?
«Eigentlich nicht. Sie haben schon die ganze Saison gezeigt, dass sie ein sehr solides Team sind. Etwas überrascht bin ich , dass von Genf nicht mehr Gegenwehr kam. Es war aber auch ein Duell der Goalies, und das hat Fribourg gewonnen. Sie sind ein gut gecoachtes und gut strukturiertes Team. Wir müssen schauen, dass wir einen guten Gameplan finden und versuchen, diesen vom ersten Spiel an gut umzusetzen.»