Röthlin adelt Audrey Werros Meisterstück
«Mein Ziel war Gold», betonte Audrey Werro gegenüber dem SRF-Reporter und liess nach ihrem Triumph in Birmingham keinen Zweifel daran, mit welchem Anspruch sie in den EM-Final gegangen war. Auch die Turbulenzen des Vortags änderten nichts an ihrer Überzeugung, die beste 800-m-Läuferin Europas sein zu können.
Werro vertraute dabei vorbehaltlos auf ihre eigenen Stärken. «Ich habe entschieden, immer schneller und schneller zu laufen. Das ist für mich die beste Taktik.»
Dieses Vertrauen reichte bis auf die letzten Meter. Selbst für einen möglichen Angriff fühlte sich Werro gewappnet. «Ich hatte am Ende noch viel Energie. Ich wusste: Wenn eine andere Athletin kommt, kann ich noch schneller laufen.» Auf den TV-Bildern war dies 50 m vor dem Ziel denn auch zu erkennen. Werro lief auf der Zielgeraden nicht am Limit, sondern hatte noch Reserven. So konnte sie einen Angriff der Olympiasiegerin Keely Hodgkinson, die Zweite wurde, scheinbar mühelos kontern.
Lobrede von Röthlin
Die Entschlossenheit der Freiburgerin beeindruckte auch Viktor Röthlin, den Marathon-Europameister von 2010, der als SRF-Experte kommentierte. «Unglaublich. Im Alleingang von der Spitze aus in einer Zeit, die vor ein paar Jahren noch unvorstellbar war.» Für Röthlin reicht die Bedeutung dieses Auftritts weit über den EM-Titel hinaus. «Audrey ist das grösste Leichtathletik-Talent, das die Schweiz je gesehen hat!»
Der Obwaldner hatte im Vorfeld stets von Femke Broeders-Bol gewarnt, der Ausnahme-Athletin aus den Niederlanden, die erst auf diese Saison hin auf die 800-m-Strecke wechselt. Doch die Niederländerin, die beste 400-m-Läufer des Top-Trios konnte ihre Endschnelligkeit nach Werros Tempolauf nicht mehr ausspielen.
Dass Werro überhaupt mit dieser Überzeugung in den Final gehen konnte, war am Vortag alles andere als selbstverständlich gewesen. Nach ihrem Sturz musste sie zunächst darum bangen, noch eine Chance auf den Titel zu erhalten. «Das war wirklich verrückt», sagt sie rückblickend. Die Situation habe sie mental gefordert. «Es war schwierig für den Kopf.»
An ihrem Selbstverständnis rüttelte die Ungewissheit jedoch nicht: «Ich hatte keine gute Qualifikation. Aber ich wusste, dass ich meinen Platz in diesem Final habe.» Auch die ungewohnte Bahn 9 nach der nachträglichen Aufnahme beschäftigte sie kaum. «Für mich ist das kein Problem. Ich mag alle Bahnen.»
Spezielle Kleidung
Während Werro die Ereignisse erstaunlich nüchtern einordnete, war ihre Mutter in einem anderen, fast ausgeflippten Zustand. «Sie war gestern am Boden zerstört und jetzt das», sagte Werro, als ihr die SRF-Regie Bilder von der Reaktion ihrer Eltern auf den Sieg einblendete. «Sie waren immer für mich da. Diese Medaille ist für mich, aber auch für meine Eltern und meine Familie.»
Ihr Vater empfand nach dem Triumph vor allem Erleichterung. «Ich wusste, dass Audrey zu so etwas fähig ist.» Den Rückschlag vom Vortag betrachtete er als Pech, nicht als Vorzeichen. Beim Showdown erkannte er bei seiner Tochter rasch jene Entschlossenheit, die später auch ihren Auftritt prägen sollte. «Als wir sie an der Startlinie sahen, an ihrer Haltung und ihren Bewegungen, wussten wir: Sie ist voll da. Sie hat etwas zu beweisen.»
Eine besondere Symbolik erhielt der Abend durch das Kleidungsstück, das Werros Eltern trugen: einen sogenannten Pagne, ein Textilkunstwerk der Baoulé, eines Akan-Volkes aus der Elfenbeinküste. Das Kleidungsstück war mit einem Muster dekoriert, das einen Sitz oder Platz symbolisierte. «Audrey hat ihren Platz, ihren Sitz bekommen», betonte ihre Mutter, die in der Elfenbeinküste aufgewachsen ist.