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«Wir dürfen gross träumen»

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«Wir dürfen gross träumen»

1. November 2026, 09:05 Uhr
Simon Ehammer wird sich fortan voll auf den Weitsprung fokussieren
© KEYSTONE/ANTHONY ANEX
Simon Ehammer ist jemand, der gross denkt. 2028 in Los Angeles möchte der 26-jährige Appenzeller Olympiasieger werden.

Weil jedoch ein Doppelstart im Zehnkampf und im Weitsprung nicht möglich ist, musste er sich für eine Disziplin entscheiden. Das hat er nun getan: Er wird sich bereits ab jetzt auf den Weitsprung konzentrieren. Im Interview mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA begründet er seinen Entscheid.

Mitte Juli haben wir Sie gefragt, ob Sie sich vorstellen könnten, nur auf Weitsprung oder Mehrkampf zu setzen. Ihre Antwort war, dass dies ein schwieriger Gedanke sei, da Sie beides extrem gerne machen würden. Warum dieser Sinneswandel?

«Wir hätten uns sowieso entscheiden müssen wegen der Olympischen Spiele (2028 in Los Angeles). Das war klar. Daher musste ein Entscheid fallen, und das ist er jetzt.»

Warum schon jetzt? Sie hätten auch sagen können, noch eine Saison wie bisher weiterzufahren und sich erst dann zu spezialisieren. Es hat ja funktioniert, Sie waren in beiden Disziplinen top.

«Ende 2023 musste ich mich einer Schulteroperation unterziehen. Dann absolvierten wir den Mehrkampf und merkten, dass die Leistungsfähigkeit der Schulter nicht reicht, um im Zehnkampf an den Olympischen Spielen eine Medaille zu gewinnen. Danach hatten wir zwei Monate Zeit, um im Weitsprung Fortschritte zu erzielen. Dann wurde ich Vierter. Das führte zur Frage, ob wir den Wechsel früher hätten vollziehen müssen. Nun wollen wir den Winter und auch den Sommer nutzen, um Verbesserungen zu erarbeiten, die hoffentlich Früchte tragen. Zudem gilt es, Erkenntnisse zu gewinnen, was wir für 2028 machen müssen, um Olympia-Gold zu holen. Darum sagten wir, dass wir den Entscheid jetzt treffen müssen. Ich würde mir ziemliche Vorwürfe machen, wenn ich aus meiner Sicht nicht alles Menschenmögliche gemacht hätte, um Olympiasieger zu werden oder zumindest eine Medaille zu gewinnen.»

Sie waren schon mit dem bisherigen Setting Weltklasse im Weitsprung. Dann soll dieser Entscheid also dazu führen, dass Sie jene Zentimeter herausholen, um der Beste zu sein?

«Ja, ich bin ein Weltklasse-Weitspringer. Aber wenn man zurückschaut, dann war das Quäntchen Glück an einer Weltmeisterschaft im Weitsprung nicht auf meiner Seite. Vor einem Jahr fehlten drei Zentimeter zum Podest. An den Olympischen Spielen fehlten 14 Zentimeter, genauso viele, wie ich auf dem Brett verschenkt hatte. Da kann man sich schon fragen: Wäre das Glück vielleicht auf meiner Seite gewesen, hätte ich mich spezialisiert. Dann wäre mein Niveau hoffentlich noch höher. Ich weiss, ich bin ein Weltklasse-Weitspringer, ich weiss aber auch, dass ich noch besser sein kann, und zwar so gut, dass Gold 2028 nur über mich führt.»

In welchem Bereich konkret können Sie sich noch verbessern?

«Nun gibt es ziemlich viele Möglichkeiten, angefangen beim Gewicht, das nun etwas reduziert werden kann, da das Oberkörpertraining wegfällt. Vielleicht habe ich dann Spaghetti-Arme (lacht). Wir können sicher noch mehr an der Schnelligkeit arbeiten. Dann haben wir auch viel mehr Zeit, an der Technik zu feilen. Bislang machten wir nur einmal pro Woche Weitsprung, definierten wir zu Beginn der Aufbausaison, was wir korrigieren wollten, und arbeiteten dann den ganzen Winter und Sommer daran. Nun können wir die ganze Woche nutzen, um die Technik zu optimieren. Das ist ein gewaltiger Unterschied.»

Das heisst, dass Sie «nur» Schnelligkeit und Weitsprung trainieren?

«Der Plan ist eigentlich so, dass der Hauptfokus logischerweise auf dem Weitsprung liegt und ich zudem Sprint und Hürden trainiere. Wir werden ein- bis zweimal pro Woche Hürden machen. Das war schon während des Trainings für den Mehrkampf eine Kerndisziplin, die extrem gut funktioniert hat und dies auch weiterhin tun wird. Das Ziel ist, den Speed zu steigern. Das hat dann natürlich auch positive Auswirkungen auf den Weitsprung. Einmal in der Woche werde ich aber auch an einem Training in einer anderen Disziplin teilnehmen. Das ist aber mehr für den Kopf, um mal andere Bewegungsabläufe zu machen. Da geht es jedoch nicht um eine Leistung oder darum, das Niveau zu erhalten. Das ist wirklich nur aus Spass.»

Sie haben immer wieder betont, dass Sie im Herzen ein Mehrkämpfer sind. Insofern muss Ihnen der Entscheid extrem schwer gefallen sein?

«Er ist mir unglaublich schwer gefallen. Ich wollte mich eigentlich gar nicht entscheiden, musste es aber. Es wäre schön gewesen, wenn die vergangene Saison klarer für eine Disziplin den Ausschlag gegeben hätte - dass eine Disziplin besser gelaufen wäre als die andere. Aber das war ja nicht der Fall. Darum haben wir uns für jene entschieden, bei der wir das Gefühl hatten, dass die Leistungssteigerung in den nächsten zwei Jahren grösser sein könnte.»

Welche Rolle hat das Finanzielle gespielt? Beim Weitsprung gibt es mehr lukrative Startmöglichkeiten.

«Also, ich muss sagen: Das Lukrative hat wirklich keine Rolle gespielt. Sicher macht man sich Gedanken und sagt: Ja, jetzt habe ich mehr Meetings, an denen ich teilnehmen kann. Das bedeutet mehr Startgeld und mehr Preisgeld. Aber das ist nicht in den Entscheid eingeflossen. Den Ausschlag gab einzig und allein, in welcher Disziplin wir das grössere Potenzial für eine Leistungssteigerung sehen.»

Ist schon klar, wie es nach 2028 weitergeht?

«So wie mein Herz im Moment schlägt, ist es ganz klar, dass ich dann zum Mehrkampf zurückkehren möchte. Ich bin ein Athlet, der von meiner Schnellkraft und von meinen Beinen lebt. Wenn ich die Zubringerleistungen steigern kann, ich schneller werde und weiter springe, wird sich das auf ganz viele Disziplinen positiv auswirken.»

Dann wäre das Ziel: 2028 Olympia-Gold im Weitsprung und vier Jahre später im Mehrkampf?

«Genau, das wäre das Ziel. Ich glaube schon, dass das möglich ist, wenn ich Sorge zum Körper trage und wir so weiterarbeiten, wie wir es bislang gemacht haben. Die Konstellation der Trainer bleibt gleich. Es ist einfach so, dass der Umfang bei gewissen Trainern steigt und bei anderen etwas reduziert wird. Aber das Team bleibt bestehen. Das heisst, wir wissen, wie wir Simon schnell machen. Wir wissen auch, wie Simon am Wettkampftag funktioniert. Von daher glaube ich, dass wir gross träumen dürfen. Zuerst setzen wir aber alles daran, Olympia-Gold im Weitsprung zu holen.»

Quelle: sda
veröffentlicht: 1. November 2026 09:05
aktualisiert: 1. November 2026 09:05